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Studieren mit AD(H)S – Erfahrungen

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Das Wintersemester 2020/21 ist zu Ende. Für das Sommersemester nimmt man sich auch dieses Jahr wieder vor, pünktlich in der Uni zu sein und diesmal die Online-Vorlesungen wirklich anzuschauen. Währenddessen ärgert man sich über sich selbst, weil die nächste Nachtschicht für die morgen abzugebende Hausarbeit ansteht. “Hätte ich bloß früher angefangen. Hätte ich mir meine Wochen strukturiert und mich während des Lockdowns nicht so “gehen lassen.” 

Sicher findet sich jeder Studierende in einen dieser Sätze oder ähnlichem wieder, doch ADHSlern geht es jeden Tag so und es sind mehrere Probleme von diesen auf einmal. Das erschwert neben ihrem Alltag auch das Studieren sehr. Sichtbar wird auch daran, dass viele es gar nicht bis zum Studium schaffen oder es abbrechen müssen. 

Einer der Hauptgründe dafür ist, dass gerade bei Frauen ADHS oft erst im  Erwachsenenalter durch Eigeninitiative diagnostiziert wird. Auch Caro ging es so. Sie brach ihr Studium ab (was zwar nicht nur mit ihrem später diagnostizierten ADHS zusammen hing.) und sieht im Nachhinein eine Chance für den Abschluss ihres Studiums durch eine frühzeitige Diagnose, die ihr nicht vergönnt war. 

“Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass ich damals den ersten Gedanken an Medikamente hatte, die mir helfen könnten, endlich mal am Ball zu bleiben. Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass ich ADHS hatte. Ich habe mich einfach nicht gewappnet gefühlt. Lernen war für mich schon fast eine körperliche Anstrengung. Je mehr ich versucht habe mich zu konzentrieren, desto hibbeliger wurde ich. Ich wünschte mir natürlich, dass ich damals schon gewusst hätte, dass ich ADHS habe. Ich hätte die Symptome besser abstellen können, hätte besser lernen können. Ich denke schon, dass die ADHS-Diagnose und vor allem die Medikamente mir sehr geholfen hätten, durch das Studium zu kommen.”

Auch Mello hat bereits ähnliche Probleme in der Schule. Sie möchte ihr Abitur machen und muss zwischendurch immer wieder Pausen machen, weil sie unter anderem wegen dem ADHS nicht weiterkommt. Ihr macht der Online-Unterricht nochmal mehr zu schaffen als “den anderen”. Es sind Probleme, von denen die anderen auch betroffen sind, aber sie noch “tausendmal” mehr.

“Die erste Woche habe ich versucht daran teilzunehmen, aber ich hatte nur ein Tablet und mir kam das total wirr vor, sich so da hinein zu fuchsen. Wir haben jeden Tag Aufgaben bekommen und ich fand es extrem schwer, da durch zu blicken. Ich habe ein paar mal versucht mit der Website, mir alle Unterlagen herunterzuladen und es zu sortieren, aber es war alles so viel und undurchschaubar. Das hat mich mega verwirrt, da den Durchblick zu behalten. Dann musste ich mich jeden Tag selbst strukturieren, um das so step by step abzuarbeiten und da habe ich einfach aufgehört. Ich habe da s einfach wegprokrastiniert bis es so ein Haufen wurde, der mich total überfordert hat, dass ich auch da nicht mehr klar kam und dann kamen noch andere Probleme dazu. Ich konnte mich einfach nicht so gut organisieren. Das war der Hauptgrund, glaube ich.” 

Viele würden jetzt sagen, dass sie sich einfach mal anstrengen muss und sich konzentrieren solle. Da kommt das ADHS ins Spiel, denn das ist eines von vielen Symptomen, die man nicht einfach abstellen kann, weil sie durch eine Störung im Gehirn entstehen.

“Es sind natürlich Überschneidungen und ADHS bedeutet nicht, dass man ein Anrecht auf Chaos hat. Jeder Mensch kann eine gewisse Art von Chaos in sich tragen oder auch ausleben, aber es ist halt die Häufigkeit. Ich glaube nicht, dass ein neurotypisches Gehirn so häufig sein Handy sucht wie ich. Das sind Dinge, die passieren so häufig, dass man sagen kann, das ist kein Zufall mehr. Es ist so ein krasser Bestandteil meines Lebens, dass man sagen kann, es bestimmt mich schon, es definiert mich.”

ADHSler müssen versuchen, Strategien dagegen zu entwickeln, um so die Symptome einzudämmen. Allerdings prägt sich die Störung sehr individuell bei den Betroffenen aus, sodass man nie für alle sprechen kann und sie Strategien ausprobieren müssen, um einen eigenen Weg zu finden. 

Caro ist extrem clever, wenn es darum geht, sich selbst auszutricksen. Als Beispiel nannte sie, dass sie sich zum Aufstehen, entgegen ihres Schlafrhythmus, einen Wecker mit Rechenaufgaben gestellt hat. Irgendwann hat sie herausgefunden, dass der Wecker auch ausgeht, wenn sie das Gerät neu startet. 

Mello erzählte:

“Es gibt ja auch viele, die damit richtig gut klarkommen. Ich habe Freunde, die studieren jetzt Mathematik und Biochemie, weil sie eben genau ihre richtige Strategie gefunden haben, um mit der Schule perfekt klarzukommen. Sie wussten aber auch schon sehr zeitig über ihr ADHS Bescheid und konnten so ein bisschen gesteuert werden, wie sie das Beste aus sich rausholen. Bisher konnte man mir nicht so richtig Strategien an die Hand geben, aber die Selbsthilfegruppe war sehr hilfreich, um sich über verschiedene Wege auszutauschen und so eine Akzeptanz der unterschiedlichen Eigenarten zu erhalten. Das hat mir geholfen, meinen Selbstwert zu stärken und mich selber besser wahrzunehmen und wie ich mich selbst besser steuern kann. Da hat der Austausch sehr geholfen. Aber solche Strategien habe ich mir alle selber so ausgedacht und versucht, herauszufinden, was für mich wichtig ist.”

Mello hat sich bei der ADHS Ambulanz angemeldet und vor allem die Selbsthilfegruppe konnte ihr weiterhelfen.

Die Schwierigkeit beim Studieren mit ADHS liegt vor allem darin, dass gerade die Dinge gefordert werden, die vielen ADHSlern durch die Symptome schwer fallen. Es sind Dinge wie Selbstorganisation, Konzentration und Pünktlichkeit. 

Wird ADHS schon frühzeitig erkannt, dann schaffen es viele sich die Strategien so anzueignen, dass sie ihr volles Potenzial im Studium ausschöpfen können, denn ADHSler haben eine Störung im Gehirn, sind aber keinesfalls “dumm”.

Aber es ist auch anstrengend das so im Alltag unterzubringen oder es mir anzueignen, weil ich das nicht schon mache seitdem ich Kind bin. Das ist jetzt so ein Skill, den ich erstmal lernen muss.” (Mello)

Neben dem Problem der Spätdiagnose gibt es zwei allgemeine Schwierigkeiten, die das Studieren mit ADHS deutlich erschweren. Zum einen ist es die Leistungsgesellschaft, die nicht nur das Studium betrifft.

“Das ADHS macht schon einen Unterschied im Miteinander oder einfach in der Gesellschaft, weil vor allem in Deutschland geht es um dieses Leisten können, sich produktiv gut zu verhalten im gesellschaftlichen Sinn. Ich habe das Gefühl, das ADHS lenkt mich ganz sehr davon ab. Die Leistung, die von mir erwartet wird, fällt mir extrem schwer, wenn es keinen Sinn ergibt, wenn es in meinem Sinne keinen Mehrwert hat. Dann kommt mir das so dumm und sinnlos vor, dass sich da irgendwas in mir verknotet, dass ich es irgendwie ganz schwer bewältigen kann.” (Mello)

Der letzte Punkt ist die generelle Sensibilität für das Thema ADHS, was gerade erwachsene Frauen betrifft. 

“Man ist so sehr darauf fixiert, dass das kleine Jungs sind, die schon in der Schule auffallen, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, dass es sich bei Frauen anders auswirkt und wir andere Symptome haben. Sie fallen nicht in das typische Raster, sondern es sind Symptomatiken, die nicht so bekannt sind und ihnen auch geholfen werden muss.” (Caro)

Die Sensibilität in der Gesellschaft kann man nur gemeinsam vor allem durch Aufklärung erreichen. Des Weiteren gibt es Strategien, die vielen ADHSlern, aber auch Menschen, die ähnliche Probleme mit diesen Symptomen haben, helfen können.  Solche Hilfen werden im nächsten Artikel der Reihe vorgestellt.

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