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Sexualisierte Gewalt – Ein Interview mit einer Betroffenen

Quelle: studioceasar

!! Triggerwarnung! – In folgendem Artikel wird Gewalt an Frauen* thematisiert und kann daher sehr belastend und (re-)traumatisierend wirken!!!

Gewalt, Gewalt gegen Frauen und explizit sexualisierte Gewalt¹ gegen Frauen sind keine Einzelphänomene! Die geschätzte Dunkelziffer besagt, dass jede 3. Frau schon mindestens einmal betroffen von Gewalt war. Es ist ein Thema, was uns nicht nur auf professioneller Ebene in der Sozialen Arbeit beschäftigt, sondern uns auch in unserem privatem Leben begegnet, und wir uns damit auseinander setzen müssen. Oft sind Menschen überfordert, wenn sie mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu tun haben. Um einen kleinen Einblick zu geben, wie Geschichten und Prozesse aus einer Betroffenenperspektive unter Anderem aussehen, habe ich ein Interview mit einer Frau geführt, welche selbst mehrfach vergewaltigt wurde und sich seitdem immer wieder neuen Herausforderungen in ihrem Leben danach stellt.

– Die Inhalte des Interviews habe ich aus langen Textstücken zusammengestellt, die von der Frau selbst geschrieben und bestimmt wurden, im Bezug auf das Interview. Zu einem besseren Lesefluss habe ich sie unter einzelnen Fragen eingeordnet. Die Meinungen und Geschichte in dem Interview sind persönlich und individuell. Eine ganz klare Erwartung allerseits ist, dass diese Berichte hier für sich stehen dürfen, können und werden! Es wird ein sensibilisierter Umgang mit diesem Artikel erwartet (Kommentare, Rückmeldungen, …)!! –

Wo fängt sexualisierte Gewalt deiner Meinung nach an?

„Sie fängt da an, wo ein Mensch sich betroffen davon fühlt, denn ein großer Irrglaube ist, dass es immer erst zu einer Vergewaltigung kommen muss, damit sich Menschen betroffen fühlen von sexueller Gewalt. Die psychischen Auswirkungen beginnen schon bei der kleinsten Berührung, die ungewollt ist. Ein Mensch der davon betroffen ist, verliert das Vertrauen an die Selbstbestimmung und Entscheidungsgewalt über sich und seinen eigenen Körper. Wenn sich ein Mensch mit diesen Erfahrungen an uns wendet, dürfen wir den betroffenen Personen nicht absprechen, wie stark das Vertrauen gebrochen ist.“

Wie, würdest du sagen, ist der beste Umgang mit Betroffenen?

„Meiner Meinung nach gibt es keinen besten Umgang, denn das Erlebte der jeweiligen Person ist so individuell wie die Person selbst. Am besten man kennt die Person selbst schon lange und gut und kann sich empathisch in die Person hineinversetzen, auch wenn es immer ein Drahtseilakt ist, ist es immer wichtig die richtige Balance zwischen ‚Nachfragen‘ und ‚Zeit geben‘ zu finden, also können wir als ersten Tipp festhalten: Ein gutes und sensibles Einfühlungsvermögen ist das „A“ und „O“ im Umgang mit Betroffenen. Denn viele Betroffene ziehen sich, je nachdem wie traumatisch das Erlebte für die jeweilige Person ist, mehr oder weniger in sich selbst zurück. Es ist wichtig ein solides Vertrauensverhältnis aufzubauen, denn das Vertrauen ist nach diesen Erlebnissen gebrochen, vor allem bei Betroffenen, welche es durch nahestehende Personen erleben mussten. Viele Betroffene schämen sich für das Erlebte und können deshalb nicht darüber sprechen. Betroffene haben oft Angst vor Kontrollverlust, weil ihnen die Kontrolle über ihren Körper und die eigene Entscheidungsgewalt genommen wurde. Deshalb kann es wichtig sein, erst recht viel von sich selbst Preiszugeben um der betroffenen Person zu zeigen: „Hey, ich vertraue dir, also kannst du mir auch vertrauen.“ Jedoch wie schon am Anfang gesagt, ist es wichtig diesen Personen Zeit zu geben, man kann aber schon mal nachfragen, wie es der Person geht und ob sie reden möchte!“

Was hat dir ganz persönlich geholfen, heute wieder vertrauen zu finden und positiv in die Zukunft zu schauen?

„Die Zeit, ganz klar. Leider auch eine sehr harte Antwort. Denn bei mir hat es sechs Jahre gebraucht, bis ich es wieder geschafft habe bedingungslos zu vertrauen und Menschen auch Vertrauensbrüche zu verzeihen und vor allem, am allerwichtigsten: Heute vertraue ich mir selbst wieder. Ich vertraue mir, dass ich für mich richtigen Menschen vertraue und das macht alles sehr viel leichter. Denn wenn man es schafft dahingehend als betroffene Person seine Ängste zu überwinden, liegt dahinter das wahre und echte Leben. Nach dem mir das angetan wurde, bin ich gebrochen. Ich habe zu gemacht, meine Gefühle wie abgeschaltet, denn die schönen Gefühle zu spüren war es mir nicht wert den ganzen Schmerz in mir zu spüren. Das war keine bewusst getroffene Entscheidung, sondern es ist einfach passiert. Ich merkte es nur mit der Zeit, dass ich mich anders fühlte als alle anderen, ich habe andere Menschen und ihre Gefühle und Emotionen nicht verstanden. Ich wollte mir das nie anmerken lassen und habe versucht sie auf einer rationalen Ebene zu verstehen. Jedoch ist es nicht möglich Gefühle so sehr zu rationalisieren um sie zu verstehen.

Man versteht sie erst, wenn man sie schon mal gespürt hat. Deshalb habe ich mich sehr oft sehr alleine gefühlt, weil ich das Gefühl hatte keiner versteht mich und ich verstehe mein Umfeld nicht. Dies war mir in der Zeit nur noch nicht so bewusst. Ich habe mich nur immer unwohl mit anderen Menschen gefühlt und war am liebsten alleine.“

Wie verlief dein innerer Prozess, dich mit deinen Erfahrungen auseinander zu setzen?

„Ich habe irgendwann angefangen Menschen von meinen Erfahrungen zu erzählen. Die meisten fanden meinen Umgang damit unglaublich stark, weil ich es rational berichtet habe, jedoch war es keine Stärke, sondern Härte: emotionale Härte. Ich habe immer nur gehofft, dass sie mich danach verstehen würden, haben sie jedoch nicht; sie sind nur etwas rücksichtsvoller mit mir umgegangen. Ich wusste immer, dass ich die ganzen Erfahrungen nicht verarbeitet, sondern nur verdrängt hatte. Man selbst weiß es dadurch, dass man das Erlebte zusammenhängend, also wie einen Film im Kopf gespeichert hat, oder ob nur Bilder zu den traumatischen Erfahrungen „aufploppen“. Denn je nach Schwere und Dauer der Gewalteinwirkung verdrängt der Kopf Dinge und versteckt sie irgendwo in deinem Unterbewusstsein. Wenn du die traumatischen Erfahrungen noch nicht verarbeitet hast, sieht es in deinem Kopf aus, als hättest du deinen Schrank komplett in deinem Zimmer verteilt und manche Dinge hast du super gut versteckt, damit du sie nicht mehr findest, weil sie dich an schlimme Dinge erinnern. Wenn du das Erlebte jedoch verarbeitet hast, ist alles wieder ordentlich in deinem Schrank und du kannst dich selbst dazu entscheiden wann du die Jeans rausholst, die du anhattest, als du mit dem Fahrrad hingefallen bist. Jedoch ist es im wahren Leben nicht so leicht wie in deinem Zimmer, denn wenn du dir die Dinge nochmal angeschaut hast, mit Abstand und Zeit und für dich nicht verstanden hast, dass sie in der Vergangenheit liegen, können Gerüche, Menschen, Wörter, Berührungen, eigentlich alle Bilder, die du eigentlich nicht mehr sehen wolltest in dir hochholen und das zu Situationen, in welchen du vielleicht gar nicht damit umgehen kannst. Auch ich hatte viele dieser Situationen. Ich habe mit der Zeit und bestimmten Techniken gelernt damit umzugehen. Denn wann du bereit dazu bist dein Zimmer aufzuräumen kannst du dir meistens nicht selbst aussuchen.“

Wann war der Zeitpunkt, an dem du angefangen hast „aufzuräumen“?

„Mich hat es zu einem Zeitpunkt getroffen, der alles andere als passend war. Ich bin gerade erst in eine neue Stadt gezogen… Ich versuche wirklich in allem das Positive zu sehen, auch darin. Dadurch wusste ich für mich, dass ich mir in der Zeit nur selbst helfen kann. Und dass es funktioniert, wenn ich gut auf mich und meine Bedürfnisse achte und genau das mache was ich gerade brauche. Ich habe mir das zugetraut und wusste auch, dass es für mich in einer Psychiatrie sehr viel schwerer wäre, weil da selten auf den Menschen geachtet wird, sondern eher nach Schemata vorgegangen wird. Jedoch war mir auch bewusst, dass mich jegliche Situation triggern könnte, was in einer Psychiatrie nicht in dem Ausmaß gegeben ist. Deshalb würde ich, wenn du dich nicht wirklich gut selbst kennst und deine Bedürfnisse kennst, jedem davon abraten diese Zeit alleine Zuhause versuchen durchzustehen. Mir hat es jedoch sehr geholfen und mir nochmal sehr viel mehr Vertrauen in mich selbst gegeben, zu sehen, dass ich mir und meinem Bauchgefühl trauen kann.“

Was würdest du Personen mitgeben, die so eine „Zeit des Aufräumens“ bei Anderen beobachten?

„Als kleiner Tipp, wenn du eine Person kennst bei der du weißt, ihr wurde sexuelle Gewalt angetan und du hast dich immer über ihren unglaublich starken Umgang damit gewundert und diese Person auf einmal komplett durch dreht, du sie nicht mehr erkennst und du nichts von dem was sie macht mehr verstehst, weil sie sonst eher ruhig und gelassen war und eher rational, dann sollten bei dir alle Alarmglocken aufleuchten! Denn die Verarbeitung dessen bedeutet, all das noch einmal zu erleben. Nur dieses Mal sollte die betroffene Person ihre Gefühle in dem Moment verstehen. Die Gefühle einordnen und verstehen, was sie, wenn sie noch einmal in eine ähnliche Situation kommen sollte anders machen sollte. Zum Beispiel eine Freundin erzählt dir, dass ihr letzte Woche jemand an den Po gegriffen hat und sie fand es im ersten Moment nicht schlimm, eine Woche später fängt sie aber total an zu weinen, weil sie auf einmal merkt, dass es sie doch sehr verletzt hat. Musst du versuchen ihr klar zu machen, dass die Situation in der Vergangenheit liegt. Versuch ihr nicht zu erklären, dass es nie wieder passieren wird, denn das wäre gelogen wir wissen nie was in der Zukunft auf uns wartet. Versuch sie zu fragen, was sie danach gerne gemacht hätte. Vielleicht hätte sie ihn gerne angespuckt, angeschrien oder ihm eine Ohrfeige verpasst, hat es aber aus ohnmächtigen Verhalten nicht geschafft. Dann bestärke sie eher darin, dass wenn es in der Zukunft wieder passieren könnte sie stark genug sein wird ihm eine zu verpassen und dass du an sie glaubst, dass sie das schafft. Natürlich gibt es da Abstufungen, mit einem kurzen Gespräch und Mut-machendem Zuspruch ist es manchmal leider nicht getan und genau da ist es wichtig bei Betroffenen, bei denen du weißt die Gewalterfahrung war für sie traumatisch, hinzuschauen. Denn ich habe mich in der Zeit entscheiden müssen: Kann ich mit dem Schrank der so voll ist leben und vielleicht auch irgendwann glücklich werden, oder ist mein Schrank zu voll und ich kann damit nicht leben?! Auch ich hatte Momente, in denen wurde mir alles zu viel und es kamen schmerzhafte Impulse in mir hoch. Ich habe es jedoch geschafft sie zu regulieren oder Menschen haben bei mir in genau diesen Momenten die richtigen Fragen gestellt, aber grundlegend ist es eine riskante Situation. Deshalb, wenn ihr so etwas bei einer guten Freundin oder gutem Freund sehen solltet und sich die Person auf einmal komplett verändert, schaut nicht weg! Sprecht im Freund*innenkreis darüber, sprecht die Eltern oder nahe Vertraute an. Vor allem aber lasst die Person nicht alleine und entscheidet gemeinsam ob ihr der Person vertraut, dass sie es alleine (also ohne psychiatrische Hilfe) schafft oder ob sie eingeliefert werden sollte. Sie wird es euch später so sehr danken, denn sie kann euch dann ihr Leben und alle positiven Erfahrungen und Gefühle danken. Also schaut nicht weg, es hängen Leben daran! Ich habe mich entschieden zu leben und es ist ein unglaublich schönes Gefühl, endlich wieder Menschen zu verstehen und sich frei zu fühlen und endlich wieder etwas zu fühlen, denn Gefühle machen uns lebendig und egal wie groß der Schmerz ist, es ist es nicht wert sie zu verlieren. „

Falls du oder Personen in deinem Umfeld betroffen von sexualisierter Gewalt sind, dann sprecht darüber, seid solidarisch und füreinander da! Wendet euch an (professionelle) Supporter*innen:

Gesammelte Informationen für den Notfall: https://antisexistischersupport.blackblogs.org/im-notfall/

¹Anmrk. d. Autorin: Die Begriffswahl zwischen „sexualisierter Gewalt“, oder „sexueller Gewalt“ variiert in diesem Artikel. Genau wie auch andere Worte für Benennungen für Gewalt dieser Art verwendet werden. Grundlegend wird hier die Meinung vertreten, dass es Betroffenen selbst überlassen ist, wie sie das Erlebte benennen, ganz nach dem Prinzip der Definitionsmacht!

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