Aktuelles

Bist du überhaupt ein Mensch?

Vergrößern

Toni-Erdmann

NFP Filmverleih

Was tut man, wenn der altersschwache Hund stirbt? Für den alternden Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek) ist die Konsequenz klar: er packt seine Koffer und reist, natürlich nicht ohne das Scherzgebiss, welches er immer in seiner Hemdtasche verstaut hat, nach Bukarest. Diese Reise hat für Winfried jedoch weniger einen touristischen Hintergrund. Das Ziel ist der Wohnsitz seiner Tochter (Sandra Hüller), zu der er schon seit langem nur sporadischen Kontakt hat. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Winfried ist ein kauziger Eigenbrötler, der keine Gelegenheit auslässt seine Mitmenschen mit seinem eigentümlichen Humor zu verunsichern. Bewaffnet mit besagtem Scherzgebiss und anderen Verkleidungsuntensilien begegnet er der alltäglichen Tristesse mit einer herzlichen Respektlosigkeit. Seine Tochter Ines hat dafür nichts übrig. In ihrem Businesskostüm gerüstet, käpft sie sich seit Jahren als Workaholic die Karriereleiter aufwärts. Soziale Kontkate außerhalb der Arbeit, Humor und Empathie mit den rumänischen Arbeitern, welche sie als Unternehmensberaterin auf die Straße setzen will, blieben dabei unweigerlich auf der Strecke. Solchen Ballast musste sie als Karrierefrau eben abwerfen, um ihren „Biss“ gegenüber den männlichen Kollegen zu behalten. Da kommt der Überraschungsbesuch ihres Vaters auch nicht sonderlich gelegen. Von den Bruchstücken seiner Familie vernachlässigt und seiner letzten emotionalen Stütze (dem Hund) beraubt, taucht er plötzlich im Leben seiner Tochter auf und will so gar nicht in den Tagesablauf aus Meetings und Geschäftsessen passen. Mit einem Minimum an familiärem Pflichtgefühl nimmt Ines ihn mit in die kalte Welt internationaler Geschäftsmänner und übt sich in Schadensbegrenzung, was natürlich komplett misslingt. Nach diversen Vorfällen, in denen Winfried humorvoll gegen die steifen Gepflogenheiten anzukämpfen versucht aber Ines peinliche Scham über ihren Vater für den Zuschauer schon fast schmerzhaft greifbar wird, entledigt sich sich ihres Vaters durch einen wortkargen Abschied. Nach diesem, wahrscheinlich unangenehmsten Abschied der Filmgeschichte, denkt Winfried aber keineswegs daran nach Hause zu fliegen und seine Tochter im kapitalistischen Haifischbecken zurück zu lassen. Mit der Gewalt des Absurden drängt er in einer skurilen Verkleidung – mal als Businesscoach Toni Erdmann, mal als deutscher Botschafter – in das Leben seiner Tochter. Trotzig verteidigt er sein Ideal von Menschlichkeit und ebenso trotzig versucht Ines ihre kalte Fassade aufrecht zu erhalten. Dieses Ringen um die von Winfried gestellte Frage, ob Ines überhaupt noch ein Mensch sei, findet seinen Ausgang schließlich in einer brüllend komisch inszenierten Geburtstagsparty. Hier wird die Rüstung (wortwörtlich) abgelegt und die Fassade zerbricht.

So pathetisch das an dieser Stelle klingen mag, geht Regisseurin Maren Ade glücklicherweise nicht vor. In ihrer, wechselseitig aus Winfrieds oder Ines’ Perspektive erzählten, Inszenierung wird nie der leichte Weg eingeschlagen. Dass der Film dabei eine unfassbare Leichtigkeit behält, liegt zum einen an den punktgenauen Dialogen voller lakonischem Witz, zum anderen an der hervorragenden schauspielersichen Leistung sämtlicher Darsteller. Hier werden die altbekannten sparsamen filmischen Mittel, mit welchen manch andere deutsche Produktion eine lediglich bemüht intellektuelle Atmosphäre erzeugen konnte, vollends von den Schauspielern ausgefüllt. Wann erlebt man es schließlich schonmal, dass eine authentisch melancholische Szene in ihrem Abschluss beim Publikum schallendes Gelächter und spontanen Applaus hervorruft? Maren Ade hat sich mit ihrer Geschichte auf die Suche nach der Menschlichkeit im entfremdenden globalen Kapitalismus gemacht. Nach dem Film kann man sich sicher sein, dass sie sie mit Hilfe des ehrlichen entwaffnenden Humors in kleinen Momenten gefunden hat.

Im Kino – (D/AU 2016, Regie: Maren Ade)

Vergrößern

449345

Komplizen Film

Kommentar hinterlassen