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Review: Hand of God

(© Amazon.com)

Zwischen Korruption und Fanatismus: In der neuen Amazon-Serie „Hand of God“ schlüpft Hollywoodstar Ron Perlman in die Rolle eines angesehenen Richters, der nach einem Nervenzusammenbruch glaubt, die Stimme Gottes zu hören. Diese fordert Gerechtigkeit – um jeden Preis.

Am 4. September feierte die Serie „Hand of God“ mit der kompletten ersten Staffel bei Amazon Prime exklusiv Premiere. Nachdem bereits im August 2014 die Pilotfolge veröffentlicht wurde, folgte der Versandriese Amazon seinem Erfolgskonzept und entschied sich aufgrund des Zuschauer-Feedbacks dazu, eine insgesamt 10-teilige erste Staffel zu produzieren. Damit tritt die Serie in die Fußstapfen von „Transparent“ und „Bosch“, die bereits beachtliche Erfolge feiern konnten. „Hand of God“ stammt aus der Feder von Ben Watkins („Burn Notice“) und ist das TV-Debüt des renommierten deutsch-schweizer Regisseurs Marc Forster („Monster’s Ball“, „Ein Quantum Trost“).

Im Zentrum des Neo-Noir-Dramas steht der einflussreiche und korrupte Richter Pernell Harris (Ron Perlman), welcher einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Grund dafür ist sein Sohn PJ (Johnny Ferro), der gezwungen wurde, die Vergewaltigung seiner Frau Jocelyn (Alona Tal) mit anzusehen und nun nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt. In seiner Verzweiflung sucht Pernell Unterstützung in der Kirche Hand of God, woraufhin er sich nackt, wiedergeboren und in Zungen sprechend in einem öffentlichen Brunnen wiederfindet. Fortan wird er von Visionen heimgesucht und ist davon überzeugt, dass Gott durch die Stimme seines Sohnes mit ihm spricht. Diese fordert Gerechtigkeit und verspricht, dass der für klinisch tot erklärte PJ aufwacht, sobald der Täter gefunden und bestraft wird. Daraufhin macht es sich Pernell zur Mission, den Verantwortlichen zu finden und zur Strecke zu bringen.

Schnell kristallisiert sich jedoch heraus, dass nicht die Aufklärung des Verbrechens im Mittelpunkt der Serie steht, sondern vielmehr die Figuren und ihre menschlichen Schwächen. Es geht darum, wer man ist, wer man gern wäre und was man bereit ist dafür zu tun. Jede Figur verfolgt dabei eine eigene Agenda und verbirgt ein Geheimnis. So gibt es neben dem Antihelden Pernell noch weitere wichtige Charaktere, wie seine Frau Crystal (Dana Delany), die alles versucht, um ihre Familie zusammenzuhalten und seine Schwiegertochter Jocelyn, welche die lebenserhaltenden Maßnahmen ihres Mannes – gegen Pernells Willen – abschalten lassen will, um endlich wieder Frieden zu finden. Doch auch der befreundete Bürgermeister Robert „Bobo“ Bosten (Andre Royo), der mit aller Kraft versucht, ein großes Tech-Unternehmen in seine Stadt zu ziehen und Reverend Paul Curtis (Julian Morris), der mit seiner Freundin Alicia (Elizabeth Mclaughlin) seine Kirche medienwirksam aufbauen will, spielen eine maßgebliche Rolle in diesem Beziehungsgeflecht.

Die Charaktere wirken im Kampf um Macht, Politik, Sex, Religion und Geld stets interessant, auch wenn bei der Portraitierung gelegentlich auf Klischees zurückgegriffen wurde. Doch diese ausführliche Darstellung der Figuren ist Fluch und Segen zugleich, denn leider verliert sich die Serie dadurch bisweilen in Nebensträngen und damit auch den Fokus auf das eigentliche Mysterium. Zudem wirkt die Serie an einigen Stellen zu bemüht und plump in dem Versuch, kantig zu sein. Diese Defizite werden allerdings mit einer überragenden Leistung der Schauspieler sowie der audio-visuellen Gestaltung wieder ausgeglichen. Vor allem die Visionen sind spannend inszeniert und das Setdesign sowie die Licht- und Farbgestaltungen sind auffallend atmosphärisch. Die musikalische Untermalung durch Fantastic Negrito, Holly Marilyn Solem und Marc Streitenfeld runden diese Wirkung zusätzlich ab.

Insgesamt erinnert die Serie durchaus an Produktionen wie „True Detective“ oder „The Leftovers“, auch wenn sie nicht ganz an dieses Niveau heranreicht. Die erste Staffel erweckt das Gefühl, als diene diese vor allem dazu, die Figuren kennenzulernen und diese zu positionieren. Dabei erhält man bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das große Ganze, welches reichlich Potential birgt. Damit einhergehend wird man aber auch mit einigen offenen Fragen zurückgelassen. Sind Pernells Visionen nun ein Produkt aus Trauer und Schuld oder steckt mehr dahinter? Wo ist die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Rache? Heiligt der Zweck die Mittel? Manche dieser Fragen kann der Zuschauer nur für sich selbst beantworten und manche verlangen förmlich danach, in einer zweiten Staffel geklärt zu werden.

Die erste Staffel „Hand of God“ steht bereits jetzt in englischer Originalfassung auf Amazon Prime Instant Video zum Abruf bereit und wird ab dem 2. Oktober 2015 auch in deutscher, synchronisierter Fassung verfügbar sein.

Trailer:

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