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Obdachlosigkeit an Weihnachten

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Leipzig, Adventszeit 2020:

Letzte Woche habe ich mehrere Tage am Stück in meiner Erdgeschosswohnung in der Nähe der Eisenbahnstraße verbracht. Ich habe den Regler an meinen Heizkörpern auf die dritte Stufe gestellt, mich vor meinen Rechner gesetzt und nur manchmal durch einen Schlitz meiner zugezogenen Gardinen nach draußen in die winterliche Düsternis gespäht. Am letzten Abend, eigentlich eher mitten in der Nacht, hat er dann mal wieder an mein Fenster geklopft. Ich konnte mich daran erinnern, dass ich beim ersten Mal als das passierte, vor Schreck fast aus meinem Stuhl gefallen bin. Doch diesmal habe ich gewusst was mich hinter der Gardine erwartet. Ich habe das Fenster geöffnet, ihn gezwungen angelächelt. Er stellt mir seine Frage, die Frage die er mir immer stellt: „Haste mal nen Feuer und vielleicht was zu Essen?“.

Er ist vielleicht 30, könnte aber auch 50 sein, denn unter dem Bart und dem Dreck kann man das schwer ausmachen. Er klopft jede Woche einmal an mein Fenster, so haben wir das abgemacht. Ich weiß, dass er manchmal vorne an der Ecke Herrmann-Liebmann-Straße in der Telefonzelle schläft. Er dreht in meiner Nachbarschaft mit einem Damenrad seine Runden, fährt langsam an den Passanten vorbei, sucht Augenkontakt.

Er ist einer von vielen. Sie schlafen in Sparkassen, sitzen vor dem Kaufland und treffen sich jeden Tag vor dem Hauptbahnhof wo wir sie mit unserer Dekadenz in Form von klassischer Musik beschallen. Wir haben sie irgendwie vergessen in dieser Zeit der großen Probleme, wir wollten sie vielleicht eigentlich auch lieber vergessen. Nun nähert sich der Lockdown und sie werden an mehr Fenster klopfen müssen, denn dieses Weihnachten wird ihr schwerstes bis jetzt.

Man Sieht die TelefonZelle auf der Eisenbahnstraße in der eine unkenntliche Gestalt steht. An und in der Telefonzelle sind verschiedene Decken und Plasiktüten angelehnt. Es ist Nacht. Im Hintergrund erkennt man einige Geschäfte und verschwommen auch Passanten.

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