Mandy Holländer

„Ich fühle mich empowered und frei“

Laut dem deutschen Umweltbundesamt liegt das jährliche Abfall-Nettoaufkommen in Deutschland bei zirka 325 bis 350 Millionen Tonnen. Dieser Wert setzt sich aus Bau- und Abbruchabfällen (bildet den Großteil), Siedlungsabfälle und Sonderabfälle zusammen. Die sogenannten Siedlungsabfälle bilden dabei mit rund 14 Prozent einen scheinbar geringen Anteil. Bei einem Blick in die Umwelt lässt sich die Verschmutzung nicht leugnen. Trotz aller Angebote vom Staat den Müll umweltgerecht zu entsorgen, scheinen die Menschen die Natur als weiteren Ablagerungsort auserkoren zu haben. Durch den Wind in unsere Flüsse und dadurch ins Meer geleitet, landen von dem anfallenden Plastemüll jährlich 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen im Meer. Dort verbleiben sie und verschmutzen nicht nur unsere Ozeane, sondern machen auch die Bewohner darin krank. Wir Verbraucher nehmen diese Mikroplasteteile wiederum durch den Fischverzehr in uns auf. Ein Teufelskreis, wie das Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in einer Grafik veranschaulicht. Dabei ist Deutschland an der Spitze der EU als Plastikproduzenten und -Konsumenten. Jeder Deutsche produziert jährlich rund 617 Kilogramm Haushalts- und Verpackungsabfälle.

Im diesem Zusammenhang liest man in den Medien immer häufiger etwas von Zero Waste. Doch was ist das? Zero Waste kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt null Abfall. Gibt man den Begriff bei google ein, bekommt man ungefähr 9.810.000 Ergebnisse angezeigt. Darunter lassen sich viele Blogs zu diesem Thema finden. Webseiten, kreiert von Menschen, die von ihrem Umstieg auf Zero Waste berichten. Ein Blog fiel mir dabei besonders auf, weil man dort unzählige alltagstaugliche Tipps zum Umstieg bekommt und die Autorin auf charmante Art und Weise für Aufklärung sorgt. Die Bloggerin und Buchautorin („Zero Waste: Weniger Müll ist das neue Grün“) Shia Su bezeichnet sich selber als Wasteland Rebel. So auch der Name ihres Blogs „wastelandrebel„, den sie seit August 2015 betreibt. Ich bat Shia um ein E-Mail-Interview, da sie sich zurzeit mit ihrem Mann Hanno in Kanada befindet.

wastelandrebel (Copyright by Shia Su)

Hallo Shia, danke, dass Du Dir Zeit für meine Fragen nimmst, obwohl Du gerade mit Deinem Mann Hanno in Vancouver bist. Wie geht es Dir?

Etwas übernächtigt aufgrund technischer Probleme am Blog, aber ansonsten super :).

Man liest und hört zurzeit viel über Nachhaltigkeit und Zero Waste. Wann ist Dir der Begriff Zero Waste das erste Mal zu Ohren gekommen?

Das muss August/September 2014 gewesen sein. Plötzlich ploppte ein Video über Bea Johnson (Autorin von „Zero Waste Home“ – Anmerkung der Red.) in meinem Facebook-Feed auf, weil jemand das in einer veganen Gruppe geteilt hatte.

Was bedeutet der Begriff für Dich?

Ich habe ehrlich gesagt eine kleine Hassliebe mit dem Namen “Zero” Waste, weil ich das Gefühl habe, dass das “Zero” darin zu viel Frustration führt. Es verleitet dazu, dass man defizitorientiert auf das guckt, wo es noch nicht klappt, anstatt sich über die Sachen zu freuen, wo es klappt! Viele Leute fangen dann auch erst mal an, nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen, statt zu sehen, was für Mülleinsparungspotential irgendwo ist. Unabhängig vom Begriff geht es mir persönlich darum, mich einfach im Kleinen wo es geht für die nachhaltigste Option zu entscheiden. Zero Waste, also “null” Müll ist ja bei mir auch nicht. Aber ich versuche schon, mich in die Richtung zu bewegen, den Müll zumindest so gut es geht zu minimieren. Vielleicht wäre “Minimal Waste” die bessere Bezeichnung dafür.

Warum hast du damit angefangen?

Zum einen kam das nicht aus dem Nichts, zum anderen wollte ich nie “Zero Waste” werden. Ich bin vorher schon auf vegetarisch und dann vegan umgestiegen und über die Jahre konnten Hanno und ich unseren Stromverbrauch auf nur ein Drittel eines durchschnittlichen 2-Personen-Haushalts senken. Wir waren auch schon dabei, unseren Besitz zu reduzieren. Als wir von Zero Waste erfuhren, dachten wir einfach, dass es Sinn macht, auch unseren Müll hier und da zu reduzieren. Das ist einfach nur ausgeartet, weil jeder einzelne Schritt ziemlich einfach war und uns die viele kleinen Erfolgserlebnisse unglaublich motivierten!

Wann und wie hast Du damit angefangen?

September 2014 fing ich an, Müll etwas konsequenter zu reduzieren. Wir haben erst mal nur die Vorräte zu Hause aufgebraucht und uns erst um etwas gekümmert, wenn wir Nachschub brauchten.

Wie hat sich Euer Leben seitdem verändert?

Meine Allergien haben sich drastisch verbessert, ich lebe viel gesünder und bin zufriedener, weil ich nicht mehr andauernd das Gefühl habe, dass ich gezwungen bin, gegen meine Überzeugungen handeln zu müssen. Früher hatte ich immer das Gefühl, ich hätte aus Zeitgründen keine andere Wahl, als Fertigessen in Plastik zu kaufen. Als ich dann meinen Bürojob hatte, bin ich immer mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Da bekam ich auch häufig Mitleid und mir wurde häufiger vorgeschlagen, ich sollte mir doch ein Auto kaufen. Im Supermarkt war alles in Plastik eingepackt. In allem hatte ich das Gefühl, dass mir das alles so vorgesetzt wird und ich ganz klein bin und nicht dagegen ankomme. Heute habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben und mein Konsumverhalten selber in der Hand habe. Ich fühle mich empowered und frei.

Was rätst Du mir als Anfänger, was sind typische Fehler am Anfang?

Einfach anfangen, offen für Neues bleiben und sich nicht übernehmen. Du solltest dir nicht zu viel vornehmen und von heute auf morgen das Leben umkrempeln wollen. Die meisten von uns sind Gewohnheitstiere, und Zero Waste oder vegan zu werden, bedeutet, Gewohnheiten zu ändern. Das braucht Zeit und das ist vollkommen in Ordnung so.

Meinst Du man schafft es in dieser Gesellschaft wirklich Müll zu vermeiden? Wie sind Deine Erfahrungen?

Man kann in den momentanen gesellschaftlichen Strukturen sicherlich nicht zu 100% Müll vermeiden, darauf ist das System einfach (noch?) nicht angelegt. Aber Veränderung kommt selten von einen Tag auf den anderen. Aber es trotzdem zu machen trägt dazu bei, dass sich etwas ändert.

Du, als Autorin und Bloggerin, hast viel Kontakt zu Gleichgesinnten. Hast Du den Eindruck, dass die Zahl der Interessierten steigt?

Ja, auch ganz maßgeblich durch die vielen Unverpackt-Läden <3.

Bist Du der Meinung, dass das Thema eher ein Trend ist oder dass es sich hier um eine wirklich nachhaltige Bewusstseinsänderung der Menschen handelt?

Ich glaube, dass wir nicht darumkommen, uns immer mehr mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen, ob wir wollen oder nicht. Mit zunehmender Zeit wird es immer drängender, zu gucken, wie wir den Klimawandel zumindest abbremsen können.

Liebe Shia vielen Dank und eine schöne Zeit in Kanada!

Wie man sieht, kann jede(r) etwas zum Umweltschutz beitragen. Dabei reichen schon kleine Veränderungen aus, indem man zum Beispiel auf Verpackungsmaterial bei Obst und Gemüse verzichtet. Da kann man sich für die unverpackte Gurke, statt die eingeschweißte, entscheidet. Oder man nimmt sich zum Einkaufen einen Stoffbeutel mit, statt im Geschäft eine teure Plastetüte zu kaufen. Solche und viele andere Ideen findet man im Internet.  Dabei geht es nicht um Perfektionismus, denn ganz ohne Müll werden wir in dieser Gesellschaft nicht leben können.  Es geht um Kreativität und um den Spaß Alternativen zu finden.

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