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Ben Howard — NOONDAY DREAM

Ben Howard - Noondy Dream Artwork

Ben Howard hat bei seinen vier Studioalben eine musikalische und persönliche Reise bestritten, die sowohl ungewöhnlich als auch auf den ersten Blick undurchsichtig ist. Vom Erscheinungsbild eines charmanten Surferboys bis hin zum verschrobenen Eigenbrödler liegen einige Jahre und Veröffentlichungen. Um seiner Entwicklung auf die Schliche zu kommen, haben wir die ersten drei Alben unter die Lupe genommen und sowohl Musik, Text als auch Artwork analysiert. In diesem letzten Blogbeitrag unserer Serie widmen wir uns dem dritten Studioalbum: Noonday Dream.

ALBUM AUF SPOTIFY ANHÖREN: https://open.spotify.com/album/6astw05cTiXEc2OvyByaPs?si=PXN9pKdsTT-tQgA9TOtmBg

__MUSIK

Wo Ben Howard bei „I Forget Where We Were“ angefangen hat, macht er bei „Noonday Dream“ weiter. Und setzt noch eine Schippe drauf. Vom Pop hat sich Ben beim letzten Album schon ansatzweise gelöst und nun komplett damit gebrochen. Auch den folkloristischen Einfluss hat Ben Howard auf’s Minimum reduziert. Fans der einstigen Singer-Songwriter-Musik kommen wohl kaum noch auf ihre Kosten – dafür sind die Songs zu lang, die Strukturen zu undurchsichtig, die Ohrwurmpassagen zu selten. Nun stehen atmosphärische Klangwelten und diffuse Gesangspassagen im Vordergrund. Ben Howard präsentiert Feinkost für Freund*innen der experimentellen Musik.

Das Album erinnert an einen durchdringenden Fiebertraum, der die Hörer*innen in schillernde und mystische Welten entführt. Der Sound ist diffus, zeitweise amorph. Hallfahnen von E-Gitarren und Texturen von Synthesizern, die von Zeit zu Zeit kaum voneinander unterscheidbar sind, geben sich die Klinke in die Hand. Dies ist gut am Beispiel von „What The Moon Does“ zu hören. Ben bedient sich bei diesem Album kaum an nachvollziehbaren Songstrukturen, AHA-Momente bleiben beinahe aus. Das Album vermittelt mehr eine Grundstimmung und präsentiert ein aufgeladenes, mystisches Ambiente. Es gibt wenige Parts, wie bei der Hälfte von „A Boat To An Island On The Wall“, die einen plötzlich aufatmen lassen und mit einer prägnanten Gesangsmelodie verwöhnen. Doch meist muss man sich mit zerpflückten Strukturen und sich wiederholenden, gar meditativen Gesangsspuren arrangieren.

Die E-Gitarre bleibt auch auf diesem Album, wenn auch stark in Effekte gehüllt, das Leitinstrument des Ensembles. Auch die gewohnt kräftigen Schlagzeug-Rhythmen hat Ben wieder eingebaut: mal stringent wie bei „Someone In The Doorway“, mal verspielt wie bei „The Defeat“. Auch das Cello ist wieder dabei, nur wird es bei den meisten Kompositionen von den wabernden Synthie-Sounds und Delayexzessen verschluckt. Ben Howard zeigt sich stimmlich gefasst. Meist singt er ruhig und monoton, aber trotzdem bestimmt. Die Grundton des Albums ist zwar nicht positiv, aber vom melancholischen Sumpf der vorherigen Platte weit entfernt. Im Vordergrund stehen nun verträumte, verklärte und wahnhafte Welten, die sich dauerhaft zwischen Realität und Traum, Diesseits und Jenseits hin und her bewegen.

_____TEXTE

Textlich ist dieses Album im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern eine größere Herausforderung für seine Hörer*innen. Das liegt zum einen daran, dass es teilweise sehr kryptische Metaphern aufweist, die bruchstückhaft aneinandergereiht sind und sich ein inhaltliches Durchdringen der Texte somit als extrem herausfordernd gestaltet. Darüber hinaus beinhaltet das Album mit „A Boat To An Island, Part II / Agatha’s Song“ und dem Interlude „All Down The Mines“ zwei Lieder, die den Anschein haben, als Instrumentalstücke gedacht zu sein, gleichzeitig jedoch ein paar wenige Textfetzen enthalten, deren Platzierung bewusst wirkt und somit auch ein inhaltliches Gewicht vermuten lässt. Leider ist es schwer, die Wirren zu durchdringen.

Gleichzeitig lassen sich aber gewisse Themen und Beschreibungen in fast jedem Lied finden. Es ist beispielsweise sehr viel von Krankheit die Rede und Anspielungen auf den Tod sind hin und wieder zu finden. Man bekommt den Eindruck, als sei der Protagonist angeschlagen und bedarf viel Ruhe und Pflege, die Ihm die andere Person zuteilwerden lässt. Am Ende des Albums gibt es in „Murmurations“ einen Perspektivwechsel und auf einmal ist die Rede von einer Person, die eine andere pflegt und begleitet. Am Ende scheint sie jedoch allein zu sein und in großer Trauer, da die Welt als dunkel beschrieben wird: „Whole world living in the darkest hour“.

Wie auch schon beim letzten Album hat man das Gefühl, dass uns Ben Howard immer nur einen Teil der Geschichte erfassen lässt und den Rest mit Absicht verschleiert. In Kombination mit der träumerisch, diffusen Musik erweckt es den Eindruck, dass es zwar ein Konzept hinter dem Album gibt, was Ben Howard jedoch nicht wirklich Preis geben will. Vielmehr hüllt er sich in geheimnisvolles Schweigen in Bezug auf die wahren Gedanken und Gefühle hinter seinen Metaphern und lässt uns mit einem Album zurück, das aufgrund seines Geheimnisses attraktiv und spannend wird, gleichzeitig aber auch ein gewisses Frustrationspotenzial mit sich bringt. Man weiß, dass man noch so tief graben könnte, den wahren Kern mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch immer verfehlen wird.  

________ARTWORK

Ben Howard - Noondy Dream Artwork

Quelle: https://roddybow.tumblr.com/image/185824341532

Das Cover des Albums zeigt eine Fotografie von dem uns bereits bekannten Roddy Bow, dessen Fotografien auch bereits Vorlage für die Coverdesigns der vorangegangenen Alben Ben Howards waren. Zu sehen ist wie bereits gewohnt der Musiker selbst. Dieses Mal hockt er in einer kargen, steinigen Landschaft, die sich über das gesamte Bild erstreckt. Horizont und Himmel wurden nicht eingefangen. Die Landschaft selbst ist sehr monoton und grau-braun gehalten und bis auf vereinzelte Gräser und Steine ist nur der nackte Boden zu sehen. Dies hat zur Folge, dass man keine Orientierungspunkte hat und die Szenerie kaum ein Gefühl vermittelt. Mal hat man den Eindruck, die Landschaft würde leicht ansteigen, dann wieder denkt man, sie fällt nach hinten hin ab. 

Ben Howard hockt im Zentrum des Bildes, der Kamera zugewandt, wendet den Blick jedoch seitlich zu Boden. Er ist umringt von einem Kreis aus Steinen. Innerhalb des Rings ist lediglich die Erde zu sehen, was deutlich werden lässt, dass der Kreis bewusst angelegt wurde und somit auch eine wesentliche Bedeutung hat. Dieses Wissen macht die Deutung jedoch nicht leichter, da sich Ben Howard gern in kryptischen Metaphern verliert, deren Geheimnisse er so gut wie nie preisgibt.

„NICA LIBRES AT DUSK“ MUSIKVIDEO: https://www.youtube.com/watch?v=NzcV8HXE_EI

Wie auf dem Cover ist auch in seinem Musikvideo zu „Nica Libres At Dusk“ eine steinige, öde Landschaft zu sehen, in der jegliches Leben zu fehlen scheint. In dem Video zieht Ben Howard zu Beginn mit seinen Füßen eine lange Linie in den Dreck, auf dem Artwork sitzt er in einem freigeräumten Kreis. Es kursieren Therorien darüber, dass jener Kreis eine Uhr symbolisieren könnte, doch da sowohl da die Landschaft immer wieder aufgegriffen wird und diese gleichzeitig durch Ben Howard „verformt“ wird. Desweiteren kommt in Verbindung mit dem Albumtitel „Noonday Dream“ auch die Theorie auf, dass es sich bei der Landschaft um eine Metapher für Ben Howards Inneres und einen Albtraum handeln könnte. Es bleibt viel Raum für Spekulationen, jedoch nicht für klare Antworten. 

______________FAZIT

Die altbekannte Melancholie Ben Howards ist zwar noch vorhanden, kleidet sich nun aber in kryptische und atmosphärische Klangwelten. Das Grundgefühl schwankt zwischen Realität und Traum, zwischen rationalen Wahrnehmungen und wirren Halluzinationen. Momente von Erleichterung und Entspannung bleiben auf „Noonday Dream“ eher selten, im Vordergrund stehen repetitive und monotone Sphären. Der instrumentale Fokus liegt auf Ben Howards prägnanter Stimme und seiner effektdurchtränkten Gitarre. Stringente Schlagzeugrhythmen und Synthesizer-Teppiche runden den Sound des dritten Studioalbums ab. „Noonday Dream“ ist mysteriös, verträumt und nimmt seine Hörer*innen auf eine intensive Gefühlsreise mit.

AUTOREN: SVEN SCHNEIDER & CLAUDIUS FÖRSTER

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