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Ben Howard — I FORGET WHERE WE WERE

Ben Howard I FORGET WHERE WE WERE Artwork 1

Ben Howard hat bei seinen vier Studioalben eine musikalische und persönliche Reise bestritten, die sowohl ungewöhnlich als auch auf den ersten Blick undurchsichtig ist. Vom Erscheinungsbild eines charmanten Surferboys bis hin zum verschrobenen Eigenbrödler liegen einige Jahre und Veröffentlichungen. Um seiner Entwicklung auf die Schliche zu kommen, haben wir die ersten drei Alben unter die Lupe genommen und sowohl Musik, Text als auch Artwork analysiert. In diesem zweiten  Blogbeitrag unserer Serie widmen wir uns dem zweiten Album: I Forget Where We Were.

ALBUM AUF SPOTIFY ANHÖREN: https://open.spotify.com/album/4WI3oFEsDiHU3I5xHz88sF?si=OD_TGv88Q-CeRt4KKvgOpw

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__MUSIK

“I Forget Where We Were” klingt erwachsener und ausgereifter als Ben Howards millionenfach verkauftes Debütalbum “Every Kingdom”. Durchdringende Atmosphäre und ein spannendes Ambiente werden einem nun geboten. Die Songstrukturen und Arrangements sind gewagter und kreativer geworden. Es gibt mehr eigenwillige Interludes und spannende Auf- und Zusammenbrüche, allerdings lässt er sich bis zu dem Zeitpunkt nicht nehmen, nachvollziehbaren und eingängigen Strukturen zu fröhnen. Die meisten Lieder sind experimenteller und Ohrwurmpassagen sind seltener als bei seiner Debüt-CD, aber er wird immer noch den meisten Fans seiner ersten Stunde gefallen. Auffällig ist, dass die repräsentative Akustikgitarre des ersten Albums von einer E-Gitarre abgelöst wurde. Und damit nicht genug: Ben Howard fängt auf dieser Platte an, seine Gitarren durch Unmengen von Delay- und Hallprozessoren zu jagen. Direkt mit dem Opener “Small Things” dreht er selbstbewusst der bisherigen Pop-Reputation den Rücken zu. Auch was die Songlängen betrifft, wird Ben mutiger und unkonventioneller. Im Durchschnitt dauern seine Kunststücke nun 5-6 Minuten, was auch eine weitere Abweichung vom klassischen Singer-Songwriter-Pop markiert. Eine Neuerung auf Bens musikalischer Reise ist nun auch der dezente Einsatz von elektronischen Sounds und experimentellen Elementen, die teils durch seine E-Gitarre, teils durch Synthesizer erzeugt werden. 

Viele Lieder sind wie gewohnt beschwingt, schnell und dynamisch. Dazu gehören unter anderem “Rivers in your mouth”, “She treats me well” und “Time is dancing”. Schnelles Fingerpicking und stringente Drumbeats geben hier den Ton an. Auffallend ist, dass die die Stimmung und Dynamik während den letzten Liedern wieder kippt und in sich zusammenbricht. Das Schlusslicht “All now is harmed” stellt mit seinen emotionalen Ausbrüchen noch eine finale Ausnahme dar.

Ben Howards Stimme klingt fester, tiefer und konsistenter – den nasalen Gesang, der hin und wieder an Bob Dylan erinnerte, hat er fast komplett abgelegt. Er klingt zwar immer noch wehklagend und ernst, aber nicht mehr weinerlich. Gesangliche Ausbrüche hat er deutlich reduziert, aber bei der Bridge von „End Of The Affair“ nochmal alles gegeben. Insgesamt erscheint Ben abgeklärt, gar resigniert, als er hätte die Schwere der Welt akzeptiert und beschreibt sie nur noch, statt sie zu beklagen. Sowohl seine Stimme als auch die instrumentale Inszenierung haben an Bestimmtheit und Selbstbewusstsein gewonnen.

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_____TEXTE

Auch bei den Texten ist eine deutliche Veränderung zum ersten Album festzustellen. Er bewegt sich zwar nach wie vor in ähnlichen Gefilden und seine Lieder haben auch immer noch eine melancholische Grundstimmung, doch wo seine Musik zu Beginn locker und beschwingt wirkte, ist dort zunehmend die Schwere zu spüren, die man von seinen Texten bereits kennt. Die Texte selbst tragen nach wie vor sehr deutlich Ben Howards Handschrift, weisen jedoch einen anderen Duktus auf. Man spürt deutlich die vier Jahre, die zwischen dem ersten und zweiten Album vergangen sind und hat das Gefühl, einem reflektierteren Ben Howard gegenüberzustehen. Seine Themen sind zwar nach wie vor eher trübselig und handeln fast ausschließlich von brüchigen oder schon zerbrochenen Beziehungen. Thematisch ist er sich also treu geblieben, doch mittlerweile scheint er sich mehr in einer abgeklärteren Beobachterrolle zu befinden, schaut von oben auf die Ereignisse herab und bleibt emotional distanzierter als man es von „Every Kingdom“ kannte. 

Es gibt nach wie vor die szenischen Beschreibungen, die in innere Monologe oder Gesprächsfetzen übergehen – doch die Art und Weise wie diese kleinen Geschichten erzählt werden, hat sich verändert. Sie ist gradliniger, zusammenhängender und nachvollziehbarer geworden, was im Kontrast zu seiner Musik steht, die weitaus verspielter geworden ist und viele Abstraktionen beinhaltet. Direkt bei dem ersten Song „Small Things“ wird man mit einer Geschichte überrascht, die fast schon wie ein Film vor dem inneren Auge abläuft, was zuvor eine wesentlich bewusstere Auseinandersetzung mit den Texten bedurfte. Dieses Phänomen lässt sich an vielen Stellen des Albums beobachten und schafft damit auch einen tieferen Zugang.  

„I FORGET WHERE WE WERE“ MUSIKVIDEO: https://www.youtube.com/watch?v=TpeK3zvmx2c

Gleichzeitig bleibt aber auch die altbekannte Abstraktion erhalten. Diese führt dazu, dass man sich in einem Moment denkt, einen klaren Gedanken der Erkenntnis gefasst zu haben, nur um ihn im nächsten Moment wieder in Frage zu stellen.  Es steht jedoch außer Frage, dass es meist eine deutliche Deutungsebene gibt. Das wird auch in dem Musikvideo zu „I Forget Where We Were“ klar, dessen Deutung zwar schwerfällt, welches aber gleichzeitig erstaunlich viele Parallelen zu dem Text des Liedes aufweist.

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________ARTWORK

Quelle: https://www.owentozer.co.uk/Ben-Howard-album-artwork

Das Artwork zu dem Album wurde auch wieder von Owen Tozer designt, auf Grundlage der Fotografie von Roddy Bow, die Ben Howard selbst zeigt. Die Fotografie ist eine Art Doppel- oder Langzeitbelichtung, durch die ein leichter Verwischeffekt entsteht und das Bild diffus und unklar erscheinen lässt. Darauf ist ein Portrait von Ben Howard vor einem dunklen, leeren Hintergrund zu sehen. Das Gesicht des Musikers wird von rechter oberer Seite beleuchtet, was dazu führt, dass seine Augen im Schatten liegen. Seine Stirn liegt leicht in Falten was einen Eindruck der Verwunderung vermittelt. Gleichzeitig wirkt Ben Howard einsam, wie er da so allein im dunklen Nichts steht, was im Kontext der Lyrics, die vom Verlassenwerden und gescheiterten Beziehungen handeln, stimmig erscheint. Und während man sich das Bild anschaut stellt man sich die Frage, ob Ben Howard wirklich nur „vergessen hat, wo wir waren“ oder ob er vielleicht nicht einmal weiß, wo er sich gerade befindet.

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______________FAZIT

Uns begegnet ein erwachsener und ausgereifter Ben, der sich längst von seiner klassischen Folkpop-Attitüde losgelöst hat. Er stellt auf diesem Album sein ausgeprägtes Gespür für Melodie und Arrangement unter Beweis, versieht seine Lieder mit spannenden Texturen, eingebettet in eine geheimnisvolle Atmosphäre. Die Musik ist experimenteller aber gleichzeitig abgerundeter geworden, der Gesang ist zuverlässiger. Die Grunderscheinung dieses Tonträgers ist zweifelsohne schwermütig und dunkel wie sein Vorgänger, allerdings macht der Brite hier einen abgeklärteren Eindruck und suhlt sich weniger in impulsiver Verzweiflung. Dies trifft auch auf seine Texte zu: negative Umstände scheint er nun mehr zu beschreiben, statt sie zu beklagen. Wie auch beim ersten Album bleibt festzustellen, dass er ein virtuoser Gitarrist, talentierter Songwriter und einzigartiger Sänger ist – nun mit E-Gitarre und erwachsenerem Auftreten.

AUTOREN: SVEN SCHNEIDER & CLAUDIUS FÖRSTER

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