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Ben Howard — EVERY KINGDOM

Ben Howard Every Kingdom

Ben Howard hat bei seinen vier Studioalben eine musikalische und persönliche Reise bestritten, die sowohl ungewöhnlich als auch auf den ersten Blick undurchsichtig ist. Vom Erscheinungsbild eines charmanten Surferboys bis hin zum verschrobenen Eigenbrödler liegen einige Jahre und Veröffentlichungen. Um seiner Entwicklung auf die Schliche zu kommen, haben wir die ersten drei Alben unter die Lupe genommen und sowohl Musik, Text als auch Artwork analysiert. In diesem ersten Blogbeitrag unserer Serie widmen wir uns dem ersten Album: Every Kingdom.

ALBUM AUF SPOTIFY ANHÖREN: https://open.spotify.com/album/57PgT4iuDurzlJnkYjrpce?si=h1TsWO09TguvtxIQllNy7Q

__Biografie

Bevor wir in die musikalische Welt seiner ersten Studioproduktion eintauchen, schauen wir uns kurz den persönlichen Werdegang des Briten an: Ben Howard, mit ganzem Namen Benjamin John Howard, ist ein Singer-Songwriter aus Südengland. Ben wurde 1987 in Totnes in eine Musikerfamilie hineingeboren und hat mit 11 Jahren angefangen, eigene Lieder zu schreiben. Nach seiner Schullaufbahn hat er Journalismus studiert, aber 6 Monate vor seinem Abschluss abgebrochen um sich voll und ganz der Kunst zu widmen – mit der Hoffnung, als Musiker sein Lebensunterhalt verdienen zu können. 2008 veröffentlichte er selbstständig seine erste EP mit dem Titel „Games in the Dark“ und genoss ab diesem Zeitpunkt einen stetig wachsenden Bekanntheitsgrad. Er produzierte zwei weitere EPs und spielte erstmals ausverkaufte Konzerte.

An dem Punkt unterschrieb er einen Vertrag bei „Island Records“, welches heute bei Universal angesiedelt ist und wo er bis dato immer noch angesiedelt ist. 2011 veröffentlichte er dann sein erstes Studioalbum (Every Kingdom) und 2014 sein zweites Album (I Forget Where We Were), womit er den 4. Platz in den UK Album Charts landetete. In der Zwischenzeit erhielt er mehrere Auszeichnungen und Preise. Sein drittes Album „Noonday Dream“ erschien 2018 und das neueste Album „Collections From The Whiteout“ im Jahr 2021.

____MUSIK

Das Album “Every Kingdom” kann musikalisch in den Folk-Pop eingeordnet werden. Den roten Faden bilden die gitarrenlastigen Kompositionen mit melancholischer Stimmung, gepaart mit Bens nasaler und eigenwilliger Gesangsstimme, abgerundet mit zarten Cellostimmen und meist treibendem, dennoch dezentem Schlagzeugspiel. Dass Ben ausschließlich Akustikgitarre spielt ist für das Album maßgebend, aber für Folk-Pop nicht ungewöhnlich. Beim genaueren Zuhören merken geübte Hörer*innen sofort, dass Bens Gitarrenspiel den herkömmlichen Singer-Songwriter-Pop auf ein herausragendes Niveau hebt. Besonders bei “Only Love”, aber auch bei vielen anderen Songs des Albums fällt auf, wie Ben seine Gitarre nicht nur mit ausgetüftelten Stimmungen, sondern auch im Pick-and-Go-Style spielt. Einer Variante, die nicht nur das einfache Anschlagen von Akkorden oder Fingerpicking vorsieht, sondern durch das erneute Anspielen der Seiten mit der Rückhand ein rhythmisches und perkussives Element erzeugt.

Mal bitter, mal nostalgisch, mal verzweifelt, mal traurig – Melancholie in den verschiedenensten Ausprägungen zieht sich durch‘s ganze Album. “Everything” und “Black Flies” verdeutlichen diese Stimmung am besten. Auch wenn manche Songs musikalisch ans Lagerfeuer oder an den Sonnenuntergang am Meer erinnern, ist es in keinem Fall leichte Musik. Denn spätestens beim Betrachten der Texte wird einem die Schwere der Songs bewusst. Doch trotz der traurigen Grundstimmung und der überschaubaren Songstrukturen sind die meisten Lieder keineswegs träge. Durch Bens schnelles und erfinderisches Gitarrenspiel und die meist treibenden Schlagzeugrhythmen ist fast durchgängig eine starke Kraft vorhanden. Dies ist vor allem bei “The Wolves” oder dem weltbekannten Hit “Keep Your Head Up” deutlich hörbar. Zudem verströmt die markante und eigenwillige Stimme Ben Howards eine mitreißende Energie. Die Arrangements der Lieder sind wie schon erwähnt auf dem Album oft ähnlich und selten außergewöhnlich. Einfach gehaltene Strukturen und nachvollziehbares Songwriting sind bei fast jedem Lied zu finden und dienen der Zugänglichkeit und Prägnanz. Somit ist das Album trotz der schweren Texten und der Melancholie kurzweilig und niedrigschwellig.

_______TEXTE

Die Liedtexte des Albums „Every Kingdom“ wirken auf den ersten Blick bruchstückhaft, aneinandergereiht und abstrakt. Innerhalb der einzelnen Lieder gibt es häufig szenische Beschreibungen von Landschaften und konkreten Orten, doch es bleibt offen, ob diese real sind. Vielleicht sind sie am Ende auch nur Beschreibungen der Gefühlswelt, in der sich Ben Howard bewegt. Diese Bilder währen jedoch nicht lange, sondern werden schnell von Worten abgelöst, bei denen unklar ist, an wen Ben Howard sie adressiert. Was teilweise wie ein innerer Monolog klingt, entpuppt sich häufig als zielgerichtete Aussage. Er spricht mit einer oder mehreren Personen, doch auf eine passive Art und Weise, als ob diese nicht da wären oder nicht antworten würden.

Oft sind die Aussagen melancholisch und wehmütig, teilweise gar apathisch und düster. Gedanken an Verlust und Tod drängen sich auf, aber auch von Liebe ist viel die Rede. Und in all dem Schweren ist auch immer wieder die Hoffnung und der Blick nach vorne zu finden. Aufgrund der Verklärung und Abstraktion fällt es schwer, Rückschlüsse auf den konkreten Inhalt der einzelnen Lieder zu ziehen. Es drängt sich jedoch das starke Gefühl auf, als würde Ben Howard viele Beziehungsthemen und persönliche Ängste ansprechen und verarbeiten.

Zum Ende hin wird das Album thematisch eher düsterer. Der graue Schleier, der auch schon zu Beginn zu spüren ist, wird schwerer und legt sich über alles. Im letzten Lied „Promise“ bleibt ein einsamer Ben Howard zurück, der sich die Frage stellt, wer er selbst eigentlich ist. Wie auch schon im Lied „Black Flies“ ist auch hier die Rede vom Winter, und wo zu Beginn des Albums noch wärmere Worte Platz fanden, so fröstelt es einen zum Ende hin. Die Texte wirken teilweise sehr konträr zu der lockeren und beschwingten Instrumentierung der Lieder. Dies ist vielleicht aber auch ein Indiz dafür, dass der Künstler nicht die Absicht hat, in diesen Gedanken und Gefühlen auf Dauer zu verweilen.

__________ARTWORK

Quelle: https://www.owentozer.co.uk/Ben-Howard-Every-Kingdom

Das Artwork wurden von Owen Tozer designt, basiert jedoch auf einer Fotografie von Mickey Smith und Roddy Bow. Mickey Smith und Ben Howard sind Bandkollegen in der Band „A Blaze of Feather“. Smith ist neben seinem Musikerdasein auch ein renommierter Filmer und Regisseur für Sportfilme.

MAKING THE ALBUM COVER: https://youtu.be/eFKn6d6fZPs

Das Foto für Artwork wurde in einer gemeinsamen Session geschossen und zeigt Ben Howard selbst, der sich unter Wasser, in einem fast schon schwebenden Zustand befindet. Sowohl im Wasser als auch in der Haltung der Person sind keine Bewegungen ersichtlich. Alles wirkt sehr ruhig und still. Bestärkt wird dieses Gefühl durch die Farbgebung: am oberen Bildrand, wo man die Wasseroberfläche vermutet hell, verdunkelt sich das Bild nach unten hin zunehmend, wodurch ein Eindruck von großer Tiefe entsteht. In diesem Kontext wirkt es so, als würde Ben Howard immer weiter hinabsinken, wehrlos und apathisch. Eine Zeile aus dem Lied „Black Flies“ drängt sich auf: „maybe you were the ocean when I was just a stone“.

Das Artwork beschreibt das Album meiner Meinung nach sehr gut, jedoch auf eine Art und Weise, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Das Licht, welches von oben durchschimmert, ist ein Sinnbild für das Schöne und steht im Kontrast zu dem dunklen, schweren Blau, was sich ihm von unten entgegenstemmt. Ben Howard schwebt zwischen diesen beiden Gefühlen, und gleichzeitig sinkt er tiefer – eine gute Darstellung der Reise, die man beim Hören von „Every Kingdom“ erlebt.

________________FAZIT

Die Texte sind traurig, die Musik mitreißend und die Instrumentierung ausgetüftelt. Das Album ist innovativer und progressiver als gefälliger Pop, aber in jedem Fall zugänglich und gut verdaulich. Die tiefsinnigen Texten resonieren vor allem bei betrübten Gemütern. Ben Howard präsentiert mit „Every Kingdom“ eine emotionsgeladene CD mit unverkennbarem Klang und eingängigen Melodien, die einem tagelang im Ohr bleiben.

AUTOREN: SVEN SCHNEIDER & CLAUDIUS FÖRSTER

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