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Zeitgeist unter Denkmalschutz

Das Jahrtausendfeld und die Absage an die Real-Soziokultur

Bis das Jahr1000feld 2000 zu seinem Namen kam, war es Schauplatz verschiedenster zeitgeschichtlicher Ereignisse.

1813 tobte die Völkerschlacht auf ihm, 1881 machte sich ihm die Industrialisierung zu eigen mit dem Hauptsitz einer der größten Landtechnikerherstellern in Deutschland. In Kriegszeiten hingegen galt die Produktion dem Rüstungsbau.
Letztendlich musste sich die Firma als Attribut der Industrialisierung der Weltwirtschaftskrise beugen und wurde 1999 von den zuvor eigens produzierten Pflügen begraben und der Natur zurück gegeben.

Dieser Symbolcharakter bewegte René Reinhardt, von der Schaubühne Lindenfels, eine künstlerische Diskussion anzuregen. Im Rahmen des Expo Projektes inszenierte er die Brache zu einem real bewirtschaftetem Kornfeld für zwei Erntezyklen lang. Die Ernte erfolgte traditionell im Spätsommer mit Pferd und Pflug und verdeutlichte den Städtern den Wandel von der einst dörflichen Idylle Lindenaus.

Das JAHRTAUSENDFELD war über die gesamte Zeit als transitorischer Garten/Park begehbar.
Bis 2001 fanden auf freiem Feld zahlreiche Kunstaktionen statt u.a. Performances, Freilichtkino, Theateraufführungen und Feste.
Reinhardts Kunstprojekt lieferte damit den Auftakt zu einer facettenreichen Brachfläche, die sich bis heute als Standort für Kunst- Kultur- und Bildungsprojekte etabliert hat.

Ihrem Jahrtausendfeld zu Ehren versammelten sich diesen Sommer Freunde und Nachbarn zu einem großen Fest. Bei bestem sonnigen Wetter wurde zu Jamsession ausgelassen getanzt und jedem die Möglichkeit geboten sich selbst musikalisch auszuprobieren. Die 9-jährige Hannah zum Beispiel, glaubten ihre aufgeregten Eltern schon als unauffindbar. Seit drei Stunden hatten sie sie nicht mehr gesehen. Möglicherweise weil Hannah ein neues Talent entdeckt hat. Sie saß die gesamte Zeit bei der Bühne und spielte leidenschaftlich Trommel.

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Florian Rosier

Für die ganz motivierten und aktiven Besucher, die vor Freude gern ein Rad geschlagen hätten und nicht wussten wie, kam der Acro-Yoga Workshop gerade gelegen. Wobei man hier je nach Kenntnisstand vom „Flugzeug“ zum „Stern“ fliegen konnte.

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Florian Rosier

 

Artistisch abgerundet wurde das Angebot durch einen Hula-Hoop Kurs und einem spontanen Austausch von Jonglierfähigkeiten.

Wem danach die Sonne und das Spiel mit der Schwerkraft zu Kopf gestiegen sein sollte, konnte Ruhe unter dem Sonnensegel finden. Auf vielen Decken eingekuschelt, erklärte sich hier immer jemand bereit eine Massage zu geben. Nach Belieben sogar mit seinem selbst hergestellten Massageöl. Dafür standen mehrere Kräuter und Duftstoffe bereit kleine Flaschen zum Abfüllen und natürlich Öl.
Eine andere Art der Entspannung wurde unbefangen beim
Bemalen des Gehweges neben Jahrtausendfeld erlebt.

Dabei war die Atmosphäre an sich entspannend genug: Zwischen Hochbeeten, selbst gezimmerten Möbeln, der Feuerstelle und den kunstvoll geflochtenen Bäumen.

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Florian Rosier

Das JAHRTAUSENDFELD zeichnete sich nicht nur mit seiner Assoziation in Bezug auf Kultur und Kunst aus. Besonders das soziale Miteinander wurde wertgeschätzt. Eine große aufgestellte Pappwand lud alle Besucher, Nachbarn und Freunde ein, mitzuteilen was sie sich von ihrer Nachbarschaft wünschen und wie es verwirklicht werden könnte.

Mehrmals war der Wunsch nach dem Erhalt des Feldes zu lesen.

Ein Wunsch, der im Kontrast zu den städtebaulichen Plänen steht. Der seit 2012 angesiedelte Wagenplatz musste bereits 2015 umziehen.

Die real gelebte Soziokultur und ihre Mitwirkenden werden es auch müssen.
Das Jahrtausendfeld soll schon bald wieder einzementiert werden.

In dem Konzeptionellen Stadtteilplan Leipziger Westen gibt die Stadt an, das Jahrtausendfeld werde seine neue Funktion in der Mischnutzung zwischen Neuem Wohnen und Gewerbe finden, mit angestrebter Etablierung eines privaten Technologie- und Informationszentrums.

In demselben Konzept erklärt die Stadt Leipzig sie strebe für die Stadtteile Lindenau und Plagwitz ein Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft an. Gleichzeitig betont sie die gewünschte Vielfalt an sozialen Gruppen innerhalb des Stadtteils und lobt die Soziokultur. Es gelte besonders, die entstehende „Kultur von unten“ heraus zu fördern und erhalten.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Verantwortlichkeit einen Platz zu enteignen, der sich bereits einen Namen gemacht und kulturhistorisch bewiesen hat, tragen lässt. Wie die Verantwortlichen einen Platz der realen Soziokultur mit einem Wohn- und Gewerbekonzept aufwiegen könnten.

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