Tamara Jesch
“Wo die vielen Hütten der Papalagi stehen, welche Stellen sie Städte nennen, ist aber auch das Land so öde wie eine flache Hand, und darum auch ward der Papalagi irre und spielt den großen Geist , damit er vergessen kann, was er nicht hat. Weil er so arm ist und sein Land so traurig, greift er nach den Dingen, sammelt sie, wie der Narr welke Blätter sammelt, und überfüllt seine Hütte damit.“ 

Was sich liest wie ein Ausschnitt aus einem Märchen, sind die Erinnerungen von Häuptling Tuiavii von Tiavea an seine Europareise Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts. Geboren und wohnhaft auf der Insel Upolu, welche zu der Samoagruppe im Südpazifik gehört ,war Tuiavii durch das Leben auf der weltfernen Insel einen einfachen Lebensstil gewöhnt: den Sinn oder die Bedeutung von „Besitz“ kannte er nicht; war doch alles, was er im Leben besaß, ein Dach über den Kopf, und das, was er am Leib trug. Er besaß, ob seines einfachen Lebens, eine sehr scharfe Beobachtungsgabe für die Kultur und das Verhalten der Europäer.

Aus seiner kindlich anmutenden Sichtweise beschreibt er die Kulturerrungenschaften des Papalagis (sprich Papalangi = des „Weißen“)  als Irrtum. Vor allem die Eigenheit der Europäer, ihr Herz an materielle Dinge zu hängen, beschreibt er als sinnlos. Der Papalagi wende viel Energie auf, um solche Dinge mit „rundem Metall und schwerem Papier“ (=Geld) zu kaufen. Diese rauben ihm aber nur noch mehr Energie, statt im welche zurückgeben. Und es hat den Anschein, als habe Tuiavii nicht ganz unrecht.

Bei dem einen ist es die Gerümpel- Schublade oder die Rumpelkammer, bei anderen der überquellende Kleiderschrank oder die angestaubte Gitarre, die nur einmal im Jahr halbherzig in die Hand genommen wird, die uns ein schlechtes Gewissen bescheren. Jedes Mal wenn wir sie ansehen, werden negative Gefühle in uns hervorgerufen. Das belastet mental. Eine bewusste Wahrnehmung dieses Gefühls und ein Durchringen zum Loslassen schafft nicht nur mehr Platz, sondern tut auch der Seele gut und lässt mehr Raum im Kopf für die wesentlichen Dinge.

Aus diesem Denkansatz heraus bildet sich bereits eine Gegenbewegung zum Kaufrausch, ganz nach dem Motto „Weniger ist mehr“: der Minimalismus. Der Minimalismus bezeichnet eine Lebensweise, welche eine Alternative zur überflussorientierten Konsumgesellschaft sucht. Die Anhänger versuchen, durch bewusste Reduzierung im Alltag Zwängen entgegenzuwirken und so freier und selbstbestimmter zu leben. Das Bedürfnis, sich wieder mehr auf das Wesentliche im Leben konzentrieren zu können und mehr Zeit für sich und seine persönlichen Leidenschaften zu haben, scheint vielen Menschen ein Anliegen zu sein.

Wenn man den vielen Bloggern, Vloggern und Youtoubern Glauben schenkt, scheint es zu klappen. Viele junge Menschen teilen im Internet ihre positiven Erfahrungen damit und geben Tipps und Hilfe beim Ausmisten. So auch „Mr. Minimalist“ Sebastian, der seit Anfang 2011 seinen Blog betreibt. “Ich bin ,Minimalist geworden, um mich auf das wirklich Wichtige in meinem Leben zu konzentrieren. Um meine Zeit in meine Leidenschaften zu stecken, meine Träume zu verwirklichen und etwas zurückzugeben an die Menschen, die mir wichtig sind.“ schreibt er, und nennt dabei seine persönliche Motivation für diesen Lebensstil.

Man findet viel Information und Inspiration im Internet zu diesem Thema, aber das heißt nicht, dass sich nur die jüngere Generation dafür begeistert: Heidemarie Schwermer, geboren 1942, Lehrerin, Psychotherapeutin und Autorin. Schwermer, die 1994 einen Tauschring in Dortmund gründete, beschreibt auf ihrer Website , wie sehr sie diese Art zu Leben bereichert hat.

„ Zu Beginn meines Experimentes war mir nicht klar , dass der Einfluss des Geldes in so viele Bereiche dringt. Die Aufgabe des Geldes hat mich in eine neue Lebensqualität gebracht, die mit innerem Reichtum statt äusserem, mit Freiheit statt Abhängigkeit, mit Grosszügigkeit statt Horten, mit neuen Werten zu tun hat.“

Heidemarie beschloss 1996, ein Leben ohne Geld zu führen, und lebte hauptsächlich vom Vertrauen in andere Menschen. Mit ihrem Buch „Das Sterntalerexperiment. Ein Leben ohne Geld“ und dem Film „Leben ohne Geld“ wurde sie international bekannt und mit ihr auch die Lebensform des Minimalismus.

Natürlich hat Frau Schwermer eine extreme Form des Lebens gewählt, die nicht für jeden geeignet ist. Dennoch verbringen viele von uns wertvolle Zeit mit der Instandhaltung von Dingen, die wir gar nicht unbedingt zum Leben brauchen. Es schadet nicht, über das Prinzip des Minimalismus nachzudenken und es im kleinen Stil zu versuchen: ein paar Klamotten in die Altkleidersammlung, ein paar überflüssige Dekoartikel verschenken.. 

Jeder muss für sich entscheiden, was ihm wichtig ist und was nicht. Aber um mehr Fokus im Leben zu gewinnen, lohnt es sich bestimmt, ein wenig Ballast abzuwerfen.

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