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weder heiß noch kalt


Es gibt ein großes Interesse in Berlin daran, dass ich aufhöre. Im Alten Testament heißt es: Sie sind weder heiß noch kalt. Ach wären sie doch heiß und kalt und nicht lau. Und Berlin ist nicht lau, aber cool geworden. Coolness ist nicht meine Temperatur. Daher ist dies vielleicht die rechte Zeit für Veränderungen; so ein Theater ist ja kein Erbhof“ [1]

Dass Frank Castorf dieses Jahr nach 25 Jahren als Intendant an der Volksbühne aufhört, ist keinesfalls sein eigener Wunsch. Doch die neue Berliner Kulturpolitik, insbesondere Kulturstaatssekretär Tim Renner, hat Castorf zufolge ein grundliegend anderes Verständnis von dem was Theater bedeutet. Während das Theater, namentlich die Volksbühne, in der Vergangenheit ein Widerstandsnest war, reiche heute schon amerikanisches Englisch als Einstiegsdroge für die Rauschzone Theater, wie Castorf im Interview mit Der Zeit äußerte.

Dass die Volksbühne als jenes Nest des Widerstands fungierte, zeigte sich in der Vergangenheit nicht zuletzt an einem Aufruf zur Freilassung von RAF-Gefangenen, wie Der Freitag beschrieb (1999):

Rot-Grün hat Halbzeit, der frühere Juso Gerhard Schröder, der frühere Straßenkämpfer Joseph Fischer und der frühere RAF-Verteidiger Otto Schily regieren seit zwei Jahren. Sie kämpften, unterschiedlich energisch und gewaltbereit, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Springerpresse, gegen ‚das Kapital‘. Lautstark forderten sie Freiheit für die Gefangenen der RAF, Freiheit für Ulrike Meinhof. Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sind tot, aber deren frühere Mitstreiter sind nach wie vor in Haft. Damals war es ein schmaler Grat, der die militanten Kritiker der BRD von den anderen Linksradikalen trennte. Heute liegen Welten zwischen ihnen: Freilassung steht nicht auf der politischen Agenda. Wer die nach wie vor gültigen Urteile mit dem Strafmaß für rechtsradikale Mörder und Totschläger heute vergleicht, muss an der rechtsstaatlichen Verfasstheit der BRD zweifeln. Ein unwürdiger Zustand – und zwar nicht nur für die Inhaftierten. Neben der Roten Hilfe und den Angehörigen setzen sich in verschiedenen Städten Initiativen für die Freilassung der Inhaftierten ein. Am 9. November 1999 stellten sich namhafte Künstler aus Theatern in ganz Deutschland hinter einen Aufruf der Volksbühne, darunter Anna Badora, Frank Castorf, Leander Haußmann, Carl G. Hegemann, Harry Kupfer, Thomas Langhoff, Thomas Ostermeier, Christoph Schlingensief und Udo Zimmermann.“ [2]

Damit jedoch Personalumstellungen in der Volksbühne nicht selbst zum Theater werden, hier der Veranstaltungshinweis für sein letztes Stück an der Volksbühne, über das Verhältnis von Künstler, Staat und Zensur:

Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn Moliere. Nach Michail Bulgakow [3]

Sa, 25.06. 19:00

Fr, 01.07. 19:00

Sa, 09.07. 19:00

Volksbühne, Rosa Luxemburg-Platz, Berlin

[1] http://www.zeit.de/2015/12/frank-castorf-volksbuehne-berlin-theaterdirektor

[2] (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kein-ende-staatlicher-rache-unter-rot-grun)

[3] https://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/die_kabale_der_scheinheiligen_das_leben_des_herrn_moliere/?id_datum=10418

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