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Warum wir den über 75-Jährigen zuhören sollten

ZEITZEUGENINTERVIEW

Chemnitz, Köthen, Thügida, … die Nachrichten sind voll mit erschreckenden Berichten und Bildern.
Nicht wenige erinnert das an die schwärzeste Zeit Deutschlands, wenn nicht sogar der ganzen Welt. Auch die letzten Hinterbliebenen, die während der NS-Diktatur aufwuchsen, warnen vor einer Wiederholung der Geschichte.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie es zu solch gewaltigen Ausmaßen des Faschismus zwischen 1933 und 1945 kommen konnte. Aus welchem Grund beteiligten sich die deutschen Bürger an der Massenbewegung und hinterfragten die zweifelhafte, menschenverachtende Politik nicht?
Zur Klärung dieser Problematik interviewte ich in einem offenen Gespräch Paul Fischer (1928 geboren; Name zur Wahrung seiner Privatsphäre geändert), einem deutschen Bürger, dessen Familie von nationalsozialistischen Ansichten geprägt war und der die Propaganda tagtäglich miterlebte. Er erklärte sich dazu bereit, ohne Umschweife und vollkommen wahrheitsgemäß von seinen Erfahrungen mit dem sogenannten Dritten Reich zu berichten.

Guten Tag Herr Fischer, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für meine Fragen nehmen. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass Sie zur NS-Zeit eher Mitläufer der Masse oder Individualist, also eine eigenständige Person waren?

Fischer: Leider muss ich zugeben, dass ich mich zu den Mitläufern des Nationalsozialismus zähle, was wohl schlicht und ergreifend daran lag, dass die Propaganda zum Alltag gehörte und man derartig von ihr beeinflusst wurde, dass man sie eigentlich gar nicht als diese wahrnahm. Egal ob man bei dem Frühstück Zeitung las oder das Haus verließ, überall wurde man von den nationalsozialistischen Ansichten beeinflusst. Auch wir besaßen den sogenannten Volksempfänger. Man kann wirklich sagen, dass man von früh bis spät von Parolen und Berichten der Nazis beschallt wurde.

Wie haben Sie diese Alltäglichkeit der Propaganda denn als Kind wahrgenommen?

Fischer: Die Manipulation von Kindern und Jugendlichen war rückblickend enorm: Es wurden beispielsweise allein dem Zwecke der Beeinflussung Kinderfeste veranstaltet, natürlich unter dem offiziellen Motto der Unterhaltung und Bespaßung. Theaterzüge vermittelten uns Kindern die so grausame Ideologie auf lustige Art und Weise.
Ich kann mich auch daran erinnern, dass in fast jedem Klassenzimmer oder Geschäft ein Bild Hitlers an der Wand hing und somit für stetige Präsenz seiner Person sorgte. Aber das war für uns völlig normal, wir kannten es ja nicht anders. Das Ganze realisierte ich erst wirklich, als ich mich dann im Erwachsenenalter damit auseinandersetzte.

Und wie standen Sie zu Adolf Hitler?

Fischer: Uns wurde als Jugendlicher immer von seinen überragenden, beinahe übermenschlichen Fähigkeiten berichtet. Hitler war der Ansicht, er würde das Reich erlösen und wir Deutschen könnten wieder stolz auf unser Vaterland sein und ohne Angst vor Arbeitslosigkeit beziehungsweise ein Leben in Verelendung auf eine glänzende Zukunft hoffen. Heute weiß man natürlich, dass die Verherrlichung seiner Person gut durchdacht und planmäßig von der Regierung organisiert war, um blindes Vertrauen und den Glauben an seine Unfehlbarkeit zu garantieren.
Aber wie konnten wir das als gewöhnliche Bürger zu diesem Zeitpunkt wissen oder ansatzweise erahnen?

Als Teil der damaligen Bevölkerung kann ich aber auch sagen, dass dieser Hitlerkult auch von unten entstand, da sich die meisten fast hysterisch in ihre Überzeugungen gegenüber Hitler hineinsteigerten. Ich selbst gehörte nicht dazu, obwohl er in gewisser Art und Weise schon eine Vorbildfunktion für mich hatte, wie für jeden anderen meiner Kameraden auch. Der Führer wurde sowohl durch die geschickt eingesetzten Mittel der Nationalsozialisten und seiner Gefolgschaft im Bürgertum zu einem Symbol für die einheitliche deutsche Volksgemeinschaft. Sätze wie
‘‘Ein Volk, ein Reich, ein Führer! ‘‘ und ‘‘ Der Führer wird es schon wissen‘‘ waren dadurch oft im Gebrauch.
Jedoch kann ich mich bis heute nicht festlegen, ob ich tatsächlicher Hitler- Anhänger oder nur Teil der Masse war.

Sind Sie der Meinung, dass Ihre Kindheit verantwortlich dafür war?

Fischer: Ja. Gleich zu Beginn meines Beitritts in das Deutsche Jungvolk wurde ich in die nationalsozialistischen Ansichten nach den ideologischen Säulen, vor allem Antisemitismus, dem Führerkult und dem Überlegenheitsgefühl gegenüber der von den Nazis angesehenen minderwertigen Rassen eingeführt. Disziplin, Ehrgeiz und großes Pflichtgefühl spielten damals eine große Rolle und sollten von jedem Schüler ausgiebig an den Tag gelegt werden. Die harte Erziehung, auch in meinem Elternhaus, hat wohl sehr bestimmend meinen Charakter geformt und beeinflusst, was ja einer der Hauptziele der Regierung war, wie ich im Laufe der Jahre nach Beendigung des 2. Weltkriegs erkannt und erfahren habe.
Aber ich muss auch einwenden, dass dieser Drill und die Disziplin nicht immer schlecht waren. Im Gegenteil, für meinen Geschmack ist der Umgang in der heutigen Zeit mit den Schülern zu nachlässig, sodass es verständlich ist, dass einige Jugendliche mit den Lehren ihr Unwesen treiben und sie diese kaum mehr ernst nehmen, weil einfach keine gravierende Bestrafung bei jeglichen Formen der Respektlosigkeit bevorsteht. Von einigen Maßnahmen der Zurechtweisungen aus meiner Zeit könnten sich die Lehrkräfte von heute eine Scheibe abschneiden, auch wenn diese auf keinen Fall in derartiger Heftigkeit wieder eingeführt werden sollten.

Sie sagten, dass auch Antisemitismus und Rassenbewusstsein von großer Bedeutung in Ihrer Schulzeit waren. Stellen Sie sich nun vor, ein als jüdisch gekennzeichneter Bürger hätte Ende der 30iger Jahre an ihrer Türschwelle um Asyl gebeten. Wie hätten Sie reagiert?

Fischer: (überlegt) Da sich die Bevölkerung dem Glauben Hitlers, also auch seiner Vorstellung zur Einteilung von Menschen in ranghöhere/-niedrigere Gruppen unterzuordnen hatte, wurden wir von Kind an mit diesen rassistischen Ansichten und Losungen wie ‘‘Die Juden sind an allem Schuld‘‘ suggeriert, also regelrecht gegen Juden und Ausländer aufgehetzt. Folglich hätte ich, da zu der von Ihnen genannten Zeit der Judenhass weit verbreitet und gestärkt war, die Tür vor seiner Nase zugeschlagen und den Vorfall den zuständigen Behörden gemeldet.
Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet und mit dem jetzigen Wissen hätte ich bestimmt anders reagiert und ihm heimlich Unterschlupf gewährt. Auch um die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung hätte ich mich wohl gekümmert, wenn ich gewusst hätte, was ihm ohne meine Hilfe für ein Schicksal bevorgestanden hätte.

Gern hätte ich mich noch länger mit Herrn Fischer unterhalten, doch das ließ seine körperliche Verfassung leider nicht zu, sodass ich mich anschließend für seine Zeit und seine Offenheit bedankte und mich von ihm verabschiedete.

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