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Merseburger Elend Teil III

Ein Kommentar von Christian Worzfeld

Kommen wir nun zu einem anderen in Merseburg tätigen Wissenschaftler.
Prof. Dr. rer. nat. Thomas Rödel, seines Zeichens Dozent für Organische und Makromolekulare Chemie. Ihn trieb am 26.01.16 die Angst um.

Die Angst um sich selbst, seine Kinder und sein geliebtes Vaterland. Sie trieb ihn so sehr um, dass er eine Rede Angela Merkels bei der Eröffnung des neuen Fraunhofer Instituts in Halle störte. Voller Angst stand er vom Stuhl auf, hielt ängstlich ein Plakat empor um schließlich mit Angst in der Stimme laut in den Saal zu rufen, dass er Angst habe.

Doch wovor fürchtet sich der gute Mann so sehr und was stand auf dem Plakat?
Es war eine Neuauflage des CDU-Klassikers von 1957 mit dem Slogan: Keine Experimente!

                                                                  Foto: wikipedia.de

                                                                  Foto: mz-web.de

Damals bezogen auf eine etwaige Regierungsübernahme durch die SPD, heute als Kritik an der Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel. Dabei ist die Analogie gelungener als es dem Herrn Professor bewusst gewesen sein dürfte. In beiden Fällen drückt sie den gesellschaftlichen Zeitgeist, genauer die die jeweilige Zeit überschattende gesellschaftliche Hysterie aus. 1957 war das der alle gesellschaftliche Schichten durchziehende Antikommunismus. Die CDU warf im damaligen Wahlkampf der SPD geplanten Vaterlandsverrat vor. Ein Vorwurf, der gegen die Sozialdemokratie seit ihrer Gründung faktenwidrig erhoben wird, hat sie sich doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit der Nation in den Schoß geworfen. Sei es durch Burgfrieden und Bewilligung der Kriegskredite 1914, der Niederschlagung der Münchner Räterepublik oder der Exekution Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Auch 1957 trieb nicht der Verrat, sondern die Sorge ums geliebte aber geteilte Vaterland die Sozen um. Sie forderten einen Austritt der BRD aus der Nato, welcher wiederum einen Austritt der DDR aus dem Warschauer Pakt evozieren sollte, um eine Wiedervereinigung der beiden Staaten herbeizuführen. Deutschland einig Vaterland also!

Konrad Adenauer verstieg sich dennoch beim CSU-Parteitag zu der geradezu wahnhaften These, „dass wir glauben, daß mit einem Sieg der Sozialdemokratischen Partei der Untergang Deutschlands verknüpft ist!“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41758007.html). Die nationalistisch begründete Neutralitätsrethorik der längst stramm antibolschewistischen SPD, die in nicht einmal zwei Jahren mit der Verabschiedung des Godesberger Programms jeglichen längst obsolet gewordenen marxistischen Ballast restlos tilgen sollte, wird in Adenauers Argumentation zum sinistren Steigbügelhalter der Sowjetunion stilisiert. Ein ähnlicher Gedankengang findet sich bei der Reanimation dieses Slogans im Jahr 2016 durch Professor Rödel. Auch er insinuiert, dass die Regierung Merkel mit der temporären und partiellen Öffnung der Grenzen für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge nicht etwa Deutschlands Image in der Welt aufpolieren wollte, sondern finstere, aber geheime Absichten verfolge, um dem Land zu schaden. Als Bildungsbürger und Akademiker verklausuliert er diese Wahnvorstellung lediglich in einer bemüht ironisch gehaltenen mathematischen Gleichung, während die Gesinnungsbrüder des Pegida-Mobs auf der Straße gar nichts mehr verbrämen. Dort ist man längst zu der Überzeugung gelangt, dass die Bundeskanzlerin die Flüchtlinge gezielt für eine geplante „Umvolkung“ ins Land geholt habe, beschimpft sie als „Volksverräterin“ und droht ihr mit dem Tod.

Von Seiten der Presse und der Hochschulleitung kamen nach Rödels Störaktion verhaltene bis verständnisvolle Reaktionen. Es sei unangemessen gewesen die Einweihung zu stören, aber die Aktion an sich verständlich und von der Meinungsfreiheit abgedeckt, so der allgemeine Tenor. Rektor Kirbs distanzierte sich zwar von dem Verhalten seines Angestellten, betonte aber, ihn auf keinen Fall in die, wie es so schön heißt, rechte Ecke stellen zu wollen, denn: „Dort gehör(e) er auf keinen Fall hin.“( http://www.mz-web.de/23536562 ©2017).

Um dieser Aussage zu begegnen, sollte man sich ex negativo ansehen, was Herrn Rödel gerade nicht zu der ersten Aktion zivilen Ungehorsams seines Lebens getrieben hat: Die Selbstenttarnung des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“, also die Erkenntnis, dass eine Bande Neonazis jahrelang mordend durchs Land ziehen und dabei auf die offene Kumpanei von Teilen des Verfassungsschutzes und der Polizei zählen konnte. Dies hat keine Protestaktion bei ihm hervorgerufen.

Das bisher größte Flüchtlingsunglück im Mittelmeer im April 2015, bei dem über 700 Flüchtlinge vor Lampedusa gekentert und ertrunken sind. Kein Protest gegen die tödliche Abschottungspolitik der EU von Herrn Rödel. Die sadistische Sparpolitik, die Berlin dem durch den Finanzcrash 2008 faktisch zahlungsunfähig gewordenen Griechenland aufgezwungen hat, die zu einer Verschleuderung öffentlichen Eigentums und einer europaweit beispiellosen Verelendung der Bevölkerungsmehrheit geführt hat. Als CDU-Mitglied moniert Herr Rödel das Vorgehen von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble nicht!

Die Aufzählung dieser drei Ereignisse mag arbiträr wirken, ist sie jedoch nicht. Bei allen dreien handelt es sich um Großereignisse mit weitreichenden Implikationen sowohl für die bundesdeutsche als auch die europäische und letztlich die Weltgesellschaft. Ihrer über Wochen und Monate dauernden medialen Rezeption konnte man sich kaum entziehen. Lampedusa steht exemplarisch für das Elend der globalen Flüchtlingsströme und die tödliche Abschottungspolitik Europas, welche das Urlaubsparadies Mittelmeer mittlerweile in das tödlichste Gewässer der Welt verwandelt hat. Der Finanzkrach und die Pleite Griechenlands führten der Welt die Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Weltsystems vor Augen. Austerität, Verweigerung eines Schuldenschnitts und erzwungene Privatisierungen zeigen, dass Berlin gewillt ist, ein europäisches Land in Dritte-Welt- Verhältnisse zu stürzen, um den eigenen Sparsadismus aufrechterhalten zu können.

Und schließlich verdeutlicht die Enttarnung des NSU das mörderische Fortwirken nationalsozialistischen Denkens in der wiedervereinigten Bundesrepublik.
Nichts davon hat Herrn Rödel dazu gebracht, einen Akt des zivilen Ungehorsams zu vollziehen. Ganz im Gegenteil: Die repressive Flüchtlingspolitik Deutschlands wurde für ihn erst zum Politikum, als sie sich für einige Monate lockerte und Deutschland, das seit den 90er Jahren konsequent für den Ausbau der Festung Europa eingetreten war und gleichzeitig bemüht war, seine Lage als Binnenstaat ausnutzend, das leidige Flüchtlingsproblem an die Ränder Europas abzuwälzen, temporär syrische Bürgerkriegsflüchtlinge ins Land ließ. Dies geschah im Übrigen nicht zuvorderst aus altruistischen Gründen, sondern war „Deutschlands Ansehen in der Welt“ geschuldet, das unter der drakonischen Behandlung Griechenlands weltweit enorm gelitten hatte.

Dass die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel Deutschland, eines der reichsten Länder der Welt, in seinen Grundfesten erschüttern könnte, kann getrost als Fiebertraum der Neuen Rechten

bezeichnet werden. Herrn Rödels Verweis auf die Zukunft seiner Kinder spricht ebenfalls Bände. Nicht die Tatsache, dass Deutschland am wenigsten von allen europäischen Ländern in Bildung investiert oder dass in keinem anderen Land der EU die Bildungschancen eines Kindes derart stark vom Vermögen der Eltern abhängen, treiben ihn um. Nein, Sorgen bereitet ihm allein die Aussicht, dass die Klassen von morgen eventuell ethnisch nicht so homogen ausfallen könnten, wie sie es heute, gerade auf dem ostdeutschen Land, noch tun. Rassismus verbrämt als Sozialkritik, wie er für die neue Rechte typisch ist.

Folgerichtig gibt der Professor, der überall stehen möchte, nur nicht in der rechten Ecke, einem der erfolgreichsten publizistischen Schlachtschiffe ebenjener neuen Rechten nämlich der Jungen Freiheit ein ausführliches Interview, in welchem er seine rebellische Pose und deren Motivation ausführlich darlegt. (https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2016/merkel-kritiker-ich-wollte-aufruetteln/)

Ob da wohl alles mit rechten Dingen zugeht?

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