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Eigentlich passen der kleine Kanadier im grünen Parka und seine Installation ganz gut zueinander. Mit ruhiger Stimme erzählt er, wie er eine Klanginstallation bauen wollte, die energetisch autark vor sich hinlebt, nur von der Sonne angetrieben, fast wie etwas Organisches – und in der Hecke hinter ihm surrt es sehr, sehr leise vor sich hin. Solarmodule und rote Drähte lugen zwischen den Blättern hervor, außerdem kleine metallene Synthesizer.

In einer Ecke des Botanischen Gartens in Halle befinden wir uns an diesem Sonntag im Oktober und vermutlich können nur Eingeweihte erraten, warum immer wieder Leute ihre Köpfe zwischen die hohen Ranken der Chinesischen Yakwurzel halten, sich zu freuen scheinen und dann weitergehen. „Bio-electric Radio“ nennt sich die Installation von Peter Courtemanche, die Natur und Radiotechnik verbindet. Sie wird beim Radio Revolten Festival in Halle ausgestellt. Das einen Monat dauernde Radiokunstfestival, widmet sich der Radiokunst, einer Kunstsparte, die zwar quicklebendig ist, aber dennoch bisher ein Nischendasein lebt. „Wie würdet ihr das nennen, was wir gerne hätten?“ fragt folgerichtig auch das eigens entworfene Manifest des Festivals. Eine Antwort: „Ein utopisches Ideal wäre, wenn jede Person wüsste, wie man ein Radio baut und wie man damit sendet und empfängt.“ Und der Radiokünstler Hartmut Geerken, dessen Sounds derweil den Seerosen und Palmen in der drückenden Wärme der Gewächshäuser Gesellschaft leisten, fordert „weg mit dem unerträglichen deutschen radiosprachschatz. […] weg mit dieser kacklinearität.“

Auf dem Rundgang am 2. Oktober hatten Besucher*innen die Möglichkeit sich zusammen mit Künstler*innen und dem Kuratorenteam die öffentlichen Installationen im Botanischen Garten, dem Turm des Physikalischen Instituts, dem Roten Turm auf dem Marktplatz und an anderen Orten in Halle anzusehen. Im Gewölbe der Mortizburg, einem weiteren Stop auf dem Rundgang, hat die australische Künstlerin Joyce Hinterding kilometerlangen, fein schimmernden Kupferdraht um zwei Säulen gewickelt: „Aeriology“ nennt sie ihre Installation (frei übersetzt: „Ätherkunde“). Der Kupferdraht fungiert als große Antenne, die auch kleine elektromagnetische Reststrahlungen aus der Luft auffängt, und diese mithilfe von Lautsprechern als lautes Brummen und Knistern hörbar werden lässt. Wie die Künstlerin erklärt, ist das gotische Gewölbe der Moritzburg einer der schönsten Orte, an dem sie bisher ihre Installation ausgestellt hat. Man kann es sich ganz gut vorstellen, während man, an barocken Madonnen vorbei, um die Installation herumgeht, die sich im Licht immer wieder verändert.

So manchen dürften die Radio Revolten aber auch ganz schön vor den Kopf stoßen. Nicht alles klingt da immer harmonisch, nicht alles erschließt sich sofort. Es brummt und knarrt bisweilen, als gäb’s kein Störgeräusch mehr. Vielleicht, weil die Macher*innen sich abgrenzen möchten, gegenüber anderen Kunstsparten und dem Radiomainstream. Vielleicht auch aus echtem Enthusiasmus an dem was noch so möglich ist, in der kleinen Nische des Retro-Mediums Radio.

Den älteren Herr, den ich beim Verlassen des Botanischen Gartens begegne, beschäftigt das merklich. Der „Blödsinn“ (O-Ton) im Gewächshaus sei ihm nicht geheuer. Statt ihm das mit der Kacklinearität zu erklären, frage ich ihn, ob er schon im Stadtmuseum war, wo eine aufwendige Ausstellung die historischen Zusammenhänge Radios erläutert – man erfährt zum Beispiel welche drakonischen Strafen das Hören von „Feindsendern“ während des zweiten Weltkriegs nach sich ziehen konnte.

Wir unterhalten uns noch eine Weile. Als ich gehe, meint er, er müsse sich jetzt doch dringend mal die Yakwurzel anschauen. Pardon, anhören.

Die Ausstellungen sind alle noch den Oktober über zugänglich. Manche sogar darüber hinaus. Interessierte finden mehr Informationen, auch zu Workshops, Konferenzen und täglichen Liveveranstaltungen während des Festivals unter http://radiorevolten.net

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Marcus-Andreas Mohr (http://marcus-andreas-mohr.de/portfolio/radiorevolten/)

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