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Pompeji

1 Ein Gang durch Pompeji

Platz

Die Ruinen von Pompeji sind durch die Verschüttungen gut erhalten geblieben

Bei einem Aufenthalt in Italien ist es unmöglich nicht irgendwo über die Überreste des römischen Imperiums zu stolpern. Immerhin wurde der ganze Mittelmeerraum von diesem gewaltigen Reich geprägt.

Auch wenn das das römische Reich oft wie ein antikes Bollwerk wirkt, sowohl für uns heute als auch für viele Völker damals, so gab es doch viel Schlimmeres als sich den Zorn Roms einzufangen.

Ein Ausflug nach Süditalien sollte verbunden sein mit einem Abstecher zum Vesuv. Den berüchtigten Vulkan, dessen Name für immer mit der Zerstörung der Stadt Pompeji in Zusammenhang stehen wird.

Für Mathias, einen Tourist der zum ersten Mal den Vesuv sieht, wirkt der Vulkan zunächst wenig einschüchternd. Ein Berg, nichts weiter. Doch lässt sich Mathias vom Äußeren nicht täuschen. Mit dem nötigen Hintergrundwissen welches er sich vor Beginn seiner Italienreise angeeignet hat, beginnt er den Vulkan ganz anders zu betrachten. Ein Besuch der römischen Ruinen des ehemaligen Pompeji hilft dabei einen gewissen Respekt vorm Vesuv zu entwickeln.

Durch die Straßen einer alten Stadt zu wandeln hat eine ganz besondere Wirkung auf ihn. Bei vielen Städten ist das so nicht möglich, da neuere Gebäude im Verlaufe der Jahrhunderte über die älteren gebaut wurden, bis zum heutigen Tag.

Straße

Eine Straße in Pompeji mit Straßenübergang

Aber die Umstände waren im Fall Pompeji etwas ungewöhnlicher.

Mathias kann sich die Situation von damals kaum vorstellen. Die Straßen und Gebäude haben weisen zwar alle Spuren des Verfalls auf, aber dennoch scheinen sie recht intakt für eine Katastrophe von solchen Ausmaßen, welche der Bevölkerung hier den Garaus gemacht hatte.

In einem der Räume die man sich ansehen kann, stößt Mathias auf etwas Verstörendes: Es sind die Überreste eines der Bürger Pompejis. Wobei das Wort „Überreste“ nicht ganz zutrifft, handelt es sich doch nur um einen Gipsabdruck. Ein Gipsabdruck in Form eines Menschen. Er liegt auf dem Boden, nebst einiger anderer, die sich wohl in dieses Haus geflüchtet hatten. Vorsichtig kniet Mathias nieder. Ursprünglich  waren die Ruinen von Asche zugeschüttet gewesen. Als man angefangen hatte zu graben, waren seltsame Hohlräume offen gelegt worden – überall waren sie zu finden gewesen. Die ehemaligen Bewohner. Mehr als das war nicht übrig geblieben. Die Hohlräume waren dann mit Gips gefüllt worden, sodass es nun möglich war, sie so zu sehen wie sie in ihren letzten Momenten gewesen waren.

2 Damals

Quintus war ein Sklave, und unterwegs zum Markt um einige Besorgungen für seinen Herrn zu erledigen. Er ging durch die gepflasterten Straßen in Richtung Markt. Hin und wieder musste er auf den schmalen Gehweg ausweichen, wenn ein Karren angerollt kam. Wie üblich beachtete man ihn nicht, und dafür war er dankbar, ebenso dafür nicht wie andere Leute seines Standes am Hafen oder bei der Weinernte auf den Hängen des Vesuvius Hand anlegen zu müssen. Als „Haussklave“ war sein Dasein etwas angenehmer. Bei seinem Gang durch die Straßen betrachtete er im Vorrübergehen die Fortschritte welche die Arbeiter inzwischen gemacht hatten. Vor siebzehn Jahren hatte ein schweres Erdbeben die Stadt verwüstet, und die Restauration war noch nicht ganz abgeschlossen. Seitdem hatte es keinen weiteren Vorfall gegeben, und das Leben nahm seinen gewohnten Lauf.

Unvermittelt wird Quintus aus seiner Gedankenwelt gerissen, als der Boden zu seinen Füßen bebt, und ein gewaltiges Donnern die Luft zerreißt.

Die Eruption die zum Untergang des römischen Pompejis führte ereignete sich am Mittag des 24. Augustes im Jahr 79 nach Christus, wie von Plinius, einem römischen Schriftsteller berichtet wird. Ein Erdbeben, welches im Jahr 62 Pompeji bereits verwüstet hatte, war vermutlich für die Lockerung im Schlotpfropfen des Vesuvs verantwortlich. Der Innere Druck des Vulkans stieg durch heiße Gase weiter an, was letztendlich dazu führte, das die gesamte Spitze des Berges explodierte.

Die nächsten Stunden stieg eine Eruptionssäule mit Überschallgeschwindigkeit über dem Vesuv auf, aus heißem Dampf, Vulkangestein und Kohlenstoff. Vulkanasche, Bimsstein, Lapilli und Dolomite wurden durch den Gasstrahl bis in die Stratosphäre getragen, wo der Wind sie nach Südosten blies, bis sie als dichter Niederschlag über mehrere Orte, darunter auch Pompeij  und viele Landhäuser niedergingen.

Doch nicht nur Ascheregen viel vom Himmel, sondern auch massivere Gesteinsbrocken, die mit 200 Kilometer pro Stunde am Boden einschlugen. Bereits eine Stunde nach Ausbruch war der Himmel so stark verdunkelt das die Sicht eingeschränkt war.

Es gibt Belege dafür dass einige Bewohner der betroffenen Regionen ihr Häuer zurückließen und ihr Glück in der Flucht versuchten. Obwohl nicht bekannt ist wie viele überlebten, war ein entkommen zu diesem Zeitpunkt noch möglich. Alle die es nicht schon in den Anfangsstunden versuchten waren verloren.

3 Der Ausbruch

Es kam wie aus heiterem Himmel. Schwarze Wolken die unter lautem Donnern aus dem Vesuvius gequollen waren, ließen Asche und Gestein auf Pompeij und die in Panik geratenen Bewohner niedergehen. Überall um Quintus herum drängte die Menge in verschiedene Richtungen. Quintus hatte so etwas noch nie erlebt, und vor Schrecken bleich war sein erster Gedanke so weit wie möglich wegzulaufen. Dann erinnerte er sich daran, was man mit ungehorsamen Sklaven anstellte, und er besann sich eines Besseren. Seine Herrschaft würde nun vermutlich seiner Dienste bedürfen.

Quintus macht auf dem Absatz kehrt, und läuft die Straße zurück die er gekommen war. Da kracht es neben ihm plötzlich schmerzhaft laut: Ein Gesteinsbrocken hat sich durch das Dach einer Villa gebohrt. Voller Ehrfurcht wirft er einen Blick zum Himmel. Weitere Brocken schießen mit unglaublicher Geschwindigkeit aus dem wütenden Berg, und die Sonne wurde mehr und mehr von schwarzem Rauch und Asche verdunkelt.

Das Magma steigt auf und der Druck am Pfropfen steigert sich, bis dieser eplosionsartig herausgesprengt wird.

Das Magma steigt auf und der Druck am Pfropfen steigt. Schließlich wird dieser mit großer Wucht herausgesprengt.

Er fleht die Götter innerlich darum an, es unbeschadet durch die Straßen zu schaffen, und eilt so schnell es das Gewirr von Menschen und seine eigne Kraft zulässt, weiter durch Pompeji.

4 Fortgang der Katastrophe

Fünf Stunden nach Ausbruch hatte sich die Asche in Pompeji einen halben Meter hoch aufgetürmt. Dächer brachen unter dem Gewicht einfach zusammen. Da der mitgenommene Schlot des Vesuvs mehrmals einbrach und das Material wieder durch weitere Eruptionen herausgeschleudert wurde, fiel ständig neuer Ascherregen hinab.

Um Mitternacht herum kam es zum Höhepunkt der ersten Eruptionsphase. Unter starken Erdbeben erreichte die Säule aus Rauch und vulkanischem Auswurf eine Höhe von 30 Kilometern. Die vielen Ascheteilchen in der Luft luden diese statisch auf, was zu Entladungen in Form von Blitzen führte. Durch diese sogenannten  Eruptionsgewitter kam es zu heftigen Regenfällen, als der Wasserdampf in der Atmosphäre und der Eruptionssäule selbst an den Aschepartikeln kondensierte.

Die gewaltigen Mengen an Asche an den Hängen des Vesuvs verwandelten sich infolgedessen in Schlammströme die sich ins umliegende Land ergossen.

Doch das furchtbarste Ereignis stand erst noch bevor: kurz nach Mitternacht begann die riesige Eruptionssäule einzubrechen. Was als Folge dessen entstand bezeichnet man als pyroklastischen Strom.

Bei einem pyroklastischen Strom entweicht das im Magma gelöste Gas und zerreibt dabei Gestein und Magma zu sehr feiner Asche, welche durch den hohen Druck unter dem das Gas sich aufgestaut hatte, mit bis zu 700 Kilometern pro Stunde den Berghang hinab rast. Gebäude bieten keinen verlässlichen Schutz gegen dieses Phänomen und explodieren, implodieren oder werden einfach beiseite geschleudert.

Bis zum Morgen kam es zu insgesamt sechs dieser verheerenden Ereignisse, wobei der erste den Ort Herculaneum traf und alle dort Verbliebenen tötete. Pompeji selbst wurde ebenfalls von pyroklastischen Strömen getroffen. Die letzte fand am Morgen statt und somit war die zweite Phase beendet.

Da nun der Schlot und ein Teil der Magmakammer unterm Berg durch den heftigen Ausstoß geleert waren, brach der Gipfel wieder zusammen und bildete die Caldera wie sie heute existiert.

Die zerstörten Orte bedeckte inzwischen eine 20 Meter hohe Masse an vulkanischem Material, welches sich im Verlauf der Jahre verfestigten sollte.

Der Ausbruch des Vesuvs forderte nach Schätzungen bis zu 5000 Leben, allein in der zerstörten Stadt Pompeji konnten 1150 Tote entdeckt werden.

5 Das Ende Pompejis

Quintus hatte das Haus seines Herrn erreicht. Die vielen Toten, erschlagen von herabregneten Steinen waren ein grausiger Anblick gewesen. Soweit Quintus die Situation einschätzte, waren die meisten Bewohner Pompejis geflohen. Aber nicht so sein Herr. Er und seine Familie waren nicht gewillt gewesen ihr Heim zu verlassen. Die Angst zwischendurch ausgeraubt zu werden, hatte sie dazu veranlasst zu bleiben, und es auszusitzen. Und als Sklave hatte Quintus dem Folge zu leisten.

Als unter der Last der Asche jedoch die Dächer begannen hatten nachzugeben, hatte sein Herr entschieden, unter einem steinernen, breiten Bogengang draußen vorm Anwesen Schutz zu suchen.

Entkommen war nun ohnehin nicht mehr möglich. Der Ascheregen war noch schlimmer geworden, und man konnte fast nichts sehen in der Dunkelheit. Zusätzlich war es Nacht geworden. Aber da war er sich nicht so sicher. Einen Unterschied hätte es nicht gemacht. Keiner sagt ein Wort. Das einzige was Quintus in der Finsternis vernimmt war das Husten zusammengekauerten Überlebenden und das Donnern vom Berg.

Ein Grollen, welches die anderen seit dem Ausbruch übertönte, lässt alle aufschrecken. Durch all die Asche hindurch glaubt Quintus den Vesuv zu erkennen. Nicht mehr als ein dunkler Fleck. Aber von diesem dunklen Fleck bewegt sich etwas den Hang hinunter. Etwas Gewaltiges und Großes. Und sehr schnelles. Es zertrümmert alles in seinem Weg. Starr vor Entsetzen sieht Quintus wie Häuser einfach auseinanderbersten und Ziegel durch die Luft gewirbelt werden.  Instinktiv will er die Arme vors Gesicht reißen, aber tief im Innern weiß er, das es nicht helfen wird.

Für Mathias zeigen sich die Geschehnisse von damals weniger in den Überbleibseln von Mauern und Säulen, als in den Gipsabdrücken die hier von allen möglichen Alltagsgegenständen gemacht wurden. Allen voran den Bewohnern. Aber auch seltsam skurriles hat er entdeckt: zwei Brote in einem alten Ofen, denen die er Zuhause sonst kauft erschreckend ähnlich. Ein weiteres Zeugnis dafür wie unvermittelt und unvorhergesehen die Ereignisse die Menschen damals überrumpelten. Von alledem macht er Fotos. Er zögert zunächst, als er die Gipsabdrücke einer ganzen Familie sieht, welche dem Vulkan zum Opfer fielen. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder. Was diese Leute dazu bewegte, trotz der Gefahr hier zu bleiben, wird er vielleicht nie verstehen. An einer Treppe macht er halt, um sich etwas im Schatten des steinernen Bogens der diese überspannt zu erholen. Auch hier liegen Gipsleichen. Die meisten machen den Anschein bereits tot gewesen zu sein als sie vom vulkanischem Material eingeschlossen wurden. Eine Gestalt jedoch erregt Mathias Aufmerksamkeit. Anders als die Anderen die hier liegen schien in diesem noch Leben gesteckt zu haben, als das endgültige Aus in Form pyroklastischer Ströme kam.

6 Die Plinius-Briefe

Als die Plinius-Briefe bezeichnet man eine Zusammenstellung von Briefen des römischen Schriftstellers Plinius des Jüngeren, der durch diese Ruhm und einen Platz in der Geschichte anstrebte. Sie befassen sich mit vielerlei unterschiedlicher Themen, wie Gesellschaft und Provinzverwaltung um einige zu nennen. Aber auch die Katastrophe die Städten wie Pompeji zum Verhängnis werden würde zeichnete er auf. Zwar befand er sich zur Zeit des Ausbruchs in Misenum, einem Ort 25 Kilometer vom Vulkan entfernt. Es handelt sich dabei um die einzigen Augenzeugenberichte die erhalten sind, wenngleich Plinius der Jüngere sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Geschehen aufhielt.

Der erste Brief zum Vesuv-Ausbruch galt einem Freund seines Onkels, Plinius des Älteren, und desse Versuch seinen Freund Pomponianus aus der Stadt Stabiae zu retten:

„Mein Onkel befand sich in Misenum , wo er persönlich das Kommando über die Flotte hatte. Am 24. August meldet ihm ungefähr um 13 Uhr meine Mutter, es zeige sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt. Er hatte sich gesonnt, kalt gebadet, dann im Liegen etwas zu sich genommen und studierte. Er forderte seine Sandalen und bestieg eine Anhöhe, von der aus man die sonderbare Erscheinung am besten beobachten konnte.

Die Wolke erhob sich – von welchem Berg, konnte man von weitem nicht eindeutig erkennen (dass es der Vesuv war, erfuhr man erst später) – in einer Gestalt, die mit keinem Baum besser zu vergleichen war als mit einer Pinie. Denn sie schien auf einem sehr langen Stamm in die Höhe zu steigen und sich in einige Zweige zu verbreitern; wahrscheinlich, weil sie anfangs durch den frischen Druck in die Höhe stieg und sich dann, als jener nachließ, senkte oder sich durch ihre eigene Schwerkraft in die Breite ergoss. Sie war bisweilen weiß, bisweilen schmutzig und gefleckt, je nachdem ob sie Erde oder Steine mit sich führte.

Als einem gelehrten Mann erschien ihm diese Erscheinung bedeutsam und näherer Betrachtung wert. Er lässt ein leichtes Schiff ausrüsten und stellt mir frei, ihn zu begleiten. Ich antwortete, ich wolle lieber studieren, und zufällig hatte er selbst mir etwas zu schreiben aufgegeben. Eben trat er aus dem Haus, als er ein Schreiben von Rectina, der Frau des Cascus erhielt, die über die drohende Gefahr erschrocken war (denn ihr Anwesen lag am Fuß, des Vesuv und sie konnte nur zu Schiff fliehen); sie bat ihn, sie aus der so großen Gefahr zu retten. Jener ändert seinen Plan, und führt jetzt mit größtem Wagemut aus, was er aus wissenschaftlicher Neugierde begonnen hatte.

Er lässt die Vierrudrer zu Wasser und geht selbst an Bord, um nicht nur Rectina Hilfe zu bringen, sondern vielen (denn die Küste war wegen ihrer Anmut dicht bevölkert). Dorthin eilt er, von wo andere fliehen, und steuert in gerader Richtung auf die Gefahr zu, so furchtlos, dass er alle Veränderungen und Ausformungen jenes Unglücks, wie er sie wahrnahm, diktierte und aufzeichnen ließ.

Schon fiel Asche auf die Schiffe, heißer und dichter, je näher man kam; nun auch Bimssteine und schwarze, ausgebrannte, vom Feuer geborstene Steine. Jetzt machte eine plötzliche Untiefe und der Auswurf des Berges die Küste unzugänglich. Er besann sich einen Augenblick, ob er zurücksegeln solle, bald aber sagte er dem Steuermann, der ihm dazu riet: „Mit den Tapferen ist das Glück, fahre zu Pomponianus!“ Dieser war in Stabiae an der entgegengesetzten Seite der Bucht (denn das Meer ergießt sich dort in das sich allmählich krümmende und herumziehende Ufer). Obwohl die Gefahr dort noch nicht sehr nahe war, so war sie doch vor Augen, und wenn sie wuchs, nahe genug; er hatte daher sein Gepäck auf die Schiffe bringen lassen und war zur Flucht entschlossen, sobald sich der Gegenwind legen würde. Als mein Onkel bei sehr günstigem Wind dort gelandet war, umarmt er den Zitternden, tröstet und ermuntert ihn und lässt sich, um dessen Furcht durch seine Zuversicht zu stillen, ins Bad bringen. Nach dem Bad legt er sich zu Tisch und speist mit heiterem Gemüt oder doch, was ebenso wirksam ist, mit heiterer Miene.

Inzwischen leuchteten an mehreren Stellen aus dem Vesuv breite Flammen und hohe Feuerbrände empor, deren Glanz und Helligkeit durch die Finsternis der Nacht gesteigert wurde.

Mein Onkel behauptete, um der Furcht zu begegnen, die Landleute hätten aus Schrecken ihre Herdfeuer verlassen und jetzt würden ihre Häuser in der Einsamkeit brennen. Dann begab er sich zur Ruhe und schlief wirklich fest ein; denn die Leute vor der Tür hörten ihn Atem holen, weil er wegen seines starken Körpers schwer und laut atmete. Nun wurde aber der Vorhof, aus dem man in das Zimmer trat, mit Asche und Bimsstein so hoch angefüllt, dass er bei längerem Verweilen nicht mehr aus dem Zimmer hätte gehen können. Man weckt ihn, er steht auf und begibt sich zu Pomponianus und den anderen, die gewacht hatten. Sie beratschlagen gemeinsam, ob sie im Haus bleiben oder ins Freie gehen sollen. Denn die Häuser wankten durch die häufigen und heftigen Erdstöße und schienen sich gleichsam aus ihrem Grund zu heben und sich bald hierhin, bald dorthin zu bewegen oder gehoben zu werden. Dagegen scheute man im Freien das Fallen der noch so leichten und ausgebrannten Bimssteine. Doch entschied man sich bei der Abwägung der Gefahren dafür. Bei meinem Onkel siegte ein Argument über das andere, bei anderen eine Furcht über die andere. Sie legen Kissen auf den Kopf und binden sie mit Tüchern fest; dies diente zum Schutz gegen den Steinregen.

Schon war es anderwärts Tag, dort war es Nacht, schwärzer und finsterer als alle Nächte; doch erhellten sie viele Fackeln und Lichter aller Art. Man beschloss, ans Ufer zu gehen und aus der Nähe zu sehen, ob man sich schon aufs Meer wagen könne; dieses blieb aber wild und ungestüm. Hier legte er sich auf ein ausgebreitetes Tuch, forderte wiederholt kaltes Wasser und trank es. Hierauf trieben die Flammen und als Vorbote der Flammen der Schwefelgeruch die anderen in die Flucht, ihn veranlassten sie aufzustehen. Gestützt auf zwei Sklaven erhob er sich, sank aber sogleich nieder, wie ich vermute, erstickt durch den dicken Dampf, und weil sich die Luftröhre verschloss, die bei ihm von Natur aus schwach und eng war und häufig an Krämpfen litt. Als es Tag wurde, der dritte, von dem an gerechnet, den er zuletzt gesehen hatte, fand man seinen Körper unversehrt, unverletzt und bedeckt, so wie er bekleidet war, einem Schlafenden ähnlicher als einem Toten.

Indessen waren ich und meine Mutter in Misenum – Dies aber trägt nichts zur Geschichte bei, und du wolltest nur etwas über seinen Tod erfahren. Ich will also Schluss machen. Als einziges will ich noch beifügen, dass ich alles, was ich selbst erlebt, und was ich in dem Augenblick gehört habe, wo die Wahrheit am treuesten erzählt wird, aufgezeichnet habe. Du wirst das Wichtigste ausziehen, denn das eine ist ein Brief, etwas anderes Geschichte, das eine, einem Freund, ein anderes, für alle zu schreiben. Lebe wohl!“

Der zweite Brief handelt von den Ereignissen die Plinius der Jüngere am eigenen Leibe erfuhr, denn Misenum selbst spürte auch die Folgen des Ausbruchs. Nachdem ein besonders starkes Beben die Bewohner dazu veranlasst panikartig die Stadt zu verlassen.

„Eine fassungslose Menge schloss sich uns an, jenem Instinkt der Flucht gehorchend, der es für klüger hält, fremder Einsicht zu folgen als der eigenen; und nun drängten und stießen uns die Flüchtenden in endlosem Zuge vorwärts. Sobald wir die Häuser hinter uns hatten, machten wir halt. Ein neues Schauspiel erwartete uns mit seinen Schrecken. Die Wagen, die wir mitgenommen hatten, schwankten nach allen Richtungen, obwohl sie sich selbst auf ganz ebenen Gelände befanden, und selbst wenn man Steine vor den Rädern schob, blieben sie nicht auf der Stelle. Das Meer schien sich selbst aufsaugen zu wollen und wurde durch das Erdbeben gleichsam zurückgedrängt. Jedenfalls hatte sich der Strand verbreitert und viel Seegetier bedeckte den trockengelegten Sand. Auf der anderen Seite öffnete sich eine schreckliche schwarze Wolke, zerrissen durch plötzliche Feuerausbrüche, die kreuz und quer hervorschossen. Sie loderten in länglichen Feuergarben auf, Blitzen gleich, doch größer… .
Wenig später senkte sich die Wolke herab auf die Erde und bedeckte das Meer, sie umgab Capri, entzog die Insel unseren Blicken und verbarg das Vorgebirge von Misenum. Da flehte, mahnte und befahl meine Mutter mir, auf jeden Fall, ganz gleich wie, zu fliehen. Ich könnte es, weil ich jung sei; sie, beschwert von den Jahren und ihrer Korpulenz, werde zufrieden sterben, wenn sie nicht Ursache meines Todes wäre. Ich antwortete meinerseits, dass ich mich nur mit ihr zusammen in Sicherheit bringen wolle. Da regnete es Asche, wenn auch noch nicht sehr viel. Ich wandte mich um. Eine dichte Qualmwolke, die wie ein reißender Strom über die Erde dahinschoss, folgte uns drohend. „Wir wollen Ausbrechen“, rief ich, „solange wir noch etwas sehen, damit wir nicht auf der Straße in der Finsternis von der Menschenmasse ringsum zertrampelt werden.“ Wir hatten uns kaum niedergesetzt, da umhüllte uns bereits die Nacht, nicht eine mondlose oder von Wolken verdunkelte Nacht, sondern die Finsternis eines geschlossenen, lichtlosen Raumes. Man hörte das Heulen der Frauen, das Gewimmer der Kinder, die Schreie der Männer… . Aus Angst vor dem Tod riefen manche nach dem Tod. Viele hoben die Hände zu den Göttern; groß war die Zahl derer, die glaubten, es gebe keine Götter mehr und über die Welt sei die letzte, die ewige Nacht hereingebrochen.“

So furchtbar all diese Geschehnisse sich anhören mögen: ohne zu übertreiben kann man doch sagen das alles was Plinius der Jüngere erlebte nicht an das heranreicht, was über Pompeji niederging. Denn ehe die Menschen von Misenum traf, wütete die Vernichtung Pompejis schon seit etwa drei Stunden.

 Eingefroren in der Zeit

Mathias blickt in das, was von den Gesichtszügen des Toten vor ihm noch übrig geblieben ist. Viel lässt sich nicht mehr erkennen. Im Augenblick seines Todes erstarrt, hält der einstige Bewohner die Arme zum Gesicht erhoben, wie um es zu schützen. Jedoch scheint er selbst für diese Bewegung nicht mehr genügend Zeit gehabt zu haben, denn seine Hände kamen nur bis auf Brusthöhe bevor er starb. Gewissermaßen fühlt sich Mathias an die Mumien der Pharaonen Ägyptens erinnert. Nur das die nicht aus Gips sind, und ihr Namen sind uns heute bekannt. Große Herrscher eines antiken Reiches.

Der Name der „Person“ vor ihm ist niemandem bekannt. War er Sklave, ein Adeliger, ein ganz gewöhnlicher Bürger? Mathias Blick schweift durch die Ruinen. Eine einst große Stadt, zerstört durch ein Naturereignis. Ein mulmiges Gefühl beschleicht ihn beim Gedanken an den Vesuv. Der Vulkan ist alles andere als völlig erloschen. Und die Orte die heute das Umland bedecken sind bedeutend größer als damals. Wie viele Gipsabdrücke könnten wohl nach einem weiteren Ausbruch angefertigt werden? Wenn der Vulkan in diesem Moment unverhofft ausbrechen würde, wäre er dann auch eines Tages eine Kuriosität für Touristen? Eingefroren in der Zeit?

Wahrscheinlich nicht. Denn der mächtige Vulkan wird rund um die Uhr überwacht.

 Der Vesuv Heute

Vesuvius

Der Vesuv heute. Die Spitze wurde durch den Ausbruch am 24. August im Jahr 79 nach Christus zerstört

Der Vesuv zählt zu den gefährlichsten Vulkanen der Welt. Beobachtet wird er schon seit 1841 vom Vesuv-Observatorium. Es ist die älteste derartige Einrichtung die sich auf die Beobachtung von Vulkanen spezialisiert, um eine möglichst verlässliche Vorhersage für einen eventuellen Ausbruch zu liefern. Gerade beim Vesuv gestaltet sich dies schwierig, da der Vulkan ohne große Ankündigung plötzlich ausbrechen kann. Das alte Observatorium ist aber keinesfalls das einzige am Vesuv geblieben. Ganze 19 Stationen sind inzwischen im Betrieb. Dennoch blieben den Bewohnern momentan nur drei Tage um evakuiert zu werden. Denn der Evakuierungsplan teilt sich momentan in drei Stufen, und erst ab der dritten Stufe wird angenommen das der Vulkan innerhalb der nächsten drei Tage ausbrechen wird. Bei der momentanen Bevölkerungsdichte würde sich das Räumen der „roten Zone“ einem Radius von 15 Kilometer um den Berg, kompliziert gestalten. Denn allein in dieser Zone lebe etwa 700.000 Menschen. Eine weitaus höhere Zahl als in der Antike.

Momentan ist es eher ruhig in der Magmakammer des Vesuv. Sollte es zu einem vergleichbaren Ausbruch kommen wie im Jahr 79 nach Christus wären sich die Menschen vermutlich der Gefahr bewusster als in der Antike. Doch die Zerstörung des Umlandes würde aufgrund der dichteren Bebauung viel verheerender ausfallen.

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