Pauline Schönfelder

Der Sommer neigt sich nun mehr als eindeutig dem Ende entgegen und auch von der Festivalsaison muss man sich schweren Herzens verabschieden. Es wurde getanzt, gelacht und seiner lieblings Musik gelauscht.
Daran hat sich set den ersten Festivals bis heute nicht geändert. Heute gibt es mehr als 100 verschiedene Festivals allein in Europa. Jeder, ob Rock-, Pop- Electro oder Techno-Fan kann sich seinen eigenen Favoriten genau herauspicken und so seinem eigenem Geschmack folgen.
Doch eines ist jedem Festivalliebhaber ein Begriff.
Woodstock.

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Nicht angegeben

Ich hab mich gefragt, wie aus einem Festival ein Mythos werden kann. Wie sich aus einer blosen Idee ein weltbedeutender Begriff formatieren konnte. Und ob es heute noch möglich wäre, ein solches Festival auf die Beine zu stellen. Was ich dabei herausgefunden habe, könnt ihr hier lesen:

Das Woodstock-Festival 1969.
Es wurde zum Symbol der Hippieära. Geplant als einfaches gewinnbringendes Konzert entwickelte es sich zu einem friedlichem dreitägigem Festival, in dessen Mittelpunkt nicht nur die Musik, sondern letztendlich das Lebensgefühl der Hippies „Love, Peace & Happiness“ stand.

Der durch ein Erbe reich gewordene John Roberts, damals 26 Jahre alt, lernte Joel Rosenman, der damals 24 Jahre alt und ebenfalls reich war, kennen. Sie wollten ursprünglich zusammen eine Fernsehserie produzieren. Genug Kapital hatten sie, doch sie wussten nicht, was die Leute interessiert. Schließlich waren sie Geschäftsleute, die nichts mit der Hippiekultur zu tun hatten. Deshalb setzten sie eine Anzeige in die New York Times: „Junge Männer mit unbegrenztem Kapital suchen nach interessanten und legalen Investitionsmöglichkeiten und Geschäftsvorstellungen“.

Das lasen der Manager einer Rockgruppe Michael Lang (23) und sein Freund Artie Kornfeld (25), die ein Aufnahmestudio in Woodstock bauen wollten. Sie waren das genaue Gegenteil, ziemlich kreativ und kannten sich in der Hippieszene aus. Sie verfügten nur nicht über genügend Kapital. Die Vier trafen sich und ihre Gegensätze ergänzten sich von Anfang an perfekt. Was wohl auch der Schlüssel zu diesem Erfolg war. So planten sie nun zu viert das Aufnahmestudio in der Stadt Woodstock. Als es eingerichtet war, fehlte ihnen nur noch ein Vermarktungskonzept. Sie hatten die Idee, ein Konzert zu veranstalten, um ihr Tonstudio an die Öffentlichkeit zu bringen. Es sollte im kleinen Rahmen stattfinden. „Warum vergessen wir nicht einfach die Studio-Sache und machen ein großes Konzert“ schlägt Rosenman vor. So taten sie es letztendlich auch, nur dass aus dem Konzert schließlich ein 3-tägiges Musik-and-Art-Festival wurde. Dieses Festival nannten sie weiterhin Woodstock, welches allerdings nichts mehr mit dem Aufnahmestudio in Woodstock zu tun hatte, da sich der Name sehr gut vermarkten ließ. Jetzt rechneten sie schon mit etwa 50.000 Besuchern und fingen an, einen geeigneten Ort für das ganze zu finde. In Woodstock selbst, wurden sie, wie sich Michael Lang erinnerte, letztendlich nur ausgelacht. Als sich nach mehreren Erkundungsflügen mit dem Helikopter nichts finden ließ, suchten sie die weitere Umgebung ab. Nun entdeckten sie das etwa 50 km südlich von Woodstock liegende große Industriegelände in Wallkill. Sie fingen schon mit der Verschönerung an und ab April 1969 wurden die ersten Anzeigen in die Zeitungen gesetzt, die für das Festival warben. Es wurden Bands für extrem hohe Gagen engagiert und eine überdimensionale Soundanlage wurde auch bestellt. Doch wegen riesiger Proteste der ansässigen Dorfbevölkerung, die Angst vor so vielen Hippies, Größstädtern und dann auch noch Juden, Drogen und Randale hatten, wurde das Festival sechs Wochen vor dem geplanten Termin untersagt.

Es begann eine neue fieberhafte Suche nach dem passenden Austragungsort. Aber entweder waren die Grundstücke zu klein, zu schlammig oder die Verkehrsanbindung zu schlecht. Nun ist man sich nicht ganz sicher, ob sich entweder ein Hotelbesitzter oder der Neffe von Max Yasgur bei den Veranstaltern meldete. Auf jeden Fall erzählte derjenige ihnen von den Ländereien des Farmers Max Yasgur in Bethel, Sullivan Country, auf der es alles gibt: „genügend Zufahrtsstraßen, Wälder, einige Seen – und eine 14 Hektar große, geschätzte 350.000 Menschen fassende, pitoresk in einer leichten Talsenke gelegene Wiese. Ein »natürliches Amphitheater«, und sowohl optisch als auch akustisch der ideale Austragungsort für diese Art von Veranstaltung“. Für 57.000 Dollar überlässt ihnen der fast bankrotte Farmer Max Yasgur sein Anwesen und räumt volle Unterstützung ein. Sofort wird der Umzug bekannt gegeben und neue Anzeigen werden gedruckt.
Auch in Bethel gab es Proteste. Yasgurs Frau erinnerte sich an ein Schild, das jemand aus der Gemeinde vor ihrer Farm aufgestellt hatte: „Don’t buy Yasgur’s milk, he loves the hippies.“
Doch die Veranstalter versuchten die Bevölkerung zu beruhigen, unter anderem indem sie sagten, dass „nur“ 50.000 Besucher kämen. Allerdings rechnete man schon mit 250.000 Menschen. Trotz weiterer Proteste kamen am Dienstag, dem 12. August 1969 die ersten Besucher. Am Donnerstag, dem 14. August gab es bis zu 108 km lange Staus. Und am nächsten Tag begann das Festival.

Das Festival war keine Protestaktion gegen den Vietnamkrieg. Er trug allerdings stark zur Entstehung der Hippiekultur bei und wurde in vielen Songs thematisiert und war somit ein wesentliches Thema auf diesem Festival. Die Aussprüche der Hippies „Peace“, „Love and Happiness“ und „make love not war“ unterstreichen das und beziehen sich direkt auf diesen Krieg, das „Trauma der Amerikaner“.
Die Hippies als Gegenkultur zu autoritären und hierarchischen gesellschaftlichen Strukturen standen mit ihrer Überzeugung nicht nur für Frieden und Gewaltfreiheit sondern auch für sexuelle Freizügigkeit, öffentliche Liebe, Musik, Transzendenz und vor allem für Drogenkonsum. Viele Hippies nahmen halluzinogene Drogen (LSD, Mescalin) um Musik und Farben intensiver wahrzunehmen, zur Bewusstseinserweiterung und um in eine euphorische Stimmung zu geraten. Sie sehnten sich nach einem neuen Lebensgefühl.
Auf der Suche nach diesem intensiven Lebensgefühl entwickelte sich das Zusammen­treffen von abertausend Menschen, Musik und vor allem Drogen zu dem späteren Mythos Woodstock. „Der Polizeibericht erwähnte, man wurde schon vom Einatmen der normalen Atemluft so high, dass man gar keinen Joint mehr »durchzuziehen« brauchte. Dieser Bericht zeigt deutlich, dass der extensive Drogenkonsum wesentlich zu dem friedlichen Ablauf des Festivals und zu dieser ausgeglichenen Stimmung, trotz miserabler äußerer Umstände, beitrug.

Für die Hippiebewegung war die Musik ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebensstils. Musik konnte deshalb so viele Menschen nach Woodstock bewegen und friedlich zusammenführen. Was mit dem Monterey Pop Festival (1967) begann wurde in Woodstock weiter geführt und war der Höhepunkt dieser Art von Festivals, was bestimmt auch daran lag, dass die Hippiebewegung sich 1969 schon aus dem Untergrund zum Mainstream entwickelt hatte. Musiker sprachen mit ihren Songs politische Themen an und prägten die Zeit mit ihrer Musik.
Viele der Musiker vergaß man auch in den kommenden Jahren nicht. Sie bleiben für immer Symbolfiguren der 60er Jahre, z. B. Richie Havens, Canned Heat und Country Joe & the Fish..


Mein Fazit

Ich glaube, dass es einfach diese Lebensgefühl der drei Tage war, das Woodstock zu so einem Mythos werden ließ. Das, wofür die Hippies standen, wurde in Woodstock wahr. Die schlechten äußeren Umständen, wie unzureichende Organisation, Regenwetter und Hitze, katastrophale medizinische Versorgung, miese Anfahrtswege und Parkmöglich­keiten, eine zu kleine Bühne (für so viele Besucher), zu wenig Nahrungsmittel und Toiletten wurden von den Konzertbesuchern nicht vergessen aber von den Medien zur Vermarktung des Mythos weggelassen.
Doch für die Hippies war selbst das kein Problem, entweder sie waren vollkommen „stoned“ und bekamen ohnehin nicht viel mit oder sie machten einfach das Beste daraus. Wenn sie mal nichts von der Musik auf der Bühne hörten, machten sie eben ihre eigene. Hatten sie nichts zu essen, fragten sie ihre Nachbarn. Das Regenwetter wurde durch eine feucht-fröhliche Schlammschlacht bezwungen und die Hitze durch das Nacktbaden im See.
Es gab keine offiziellen Gewalttaten und das bei einer halben Millionen Menschen. In Woodstock herrschte durch die Menschenmassen, Musik und Drogen das euphorische Gefühl, die Welt mit der Hippie-Lebensweise revolutionieren zu können. Das hat die Flower-Power-Generation zwar nicht geschafft, aber sie hat mit Woodstock gezeigt, dass es ein friedlicheres und solidarischeres Zusammenleben in der Welt geben kann.
Dieses Gefühl, nur durch Menschenmassen und Musik und ohne Gewalt etwas zu erreichen, ist, wie ich finde, in unserer heutigen Zeit kaum noch vorhanden. Ich könnte mir heute ein Festival mit solch einem ungezwungenen Lebensgefühl, an jeder Ecke liebende Menschen und einer so vielseitigen bedeutungs­vollen Musik, quasi eine musikalische Revolution, nicht mehr vorstellen.
Ich denke auch, dass dieses Lebens- und Gemeinschaftsgefühl in Woodstock gerade erst durch die vielen Schwierigkeiten entstehen konnte und dass so etwas auf einem heutigen, vollkommen durchgeplanten Festival nicht mehr so entstehen kann.

Weitere Eindrücke bekommt hier.

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