Vera Schemmann

In jeder Stadt gibt es diese Legenden und Sagen, die sich die alteingesessenen Einwohner erzählen. Dabei geht es um die Vergangenheit der Stadt, um Mythen und Gerüchte, die oft von Mund zu Mund über Generationen weitergegeben wurden. Merseburgs bekannteste Sage ist wohl die Rabensage, die auch heute noch an vielen Orten in der Stadt präsent ist. Eine unbekanntere Legende rankt sich um Merseburgs Kellersystem. Man erzählt sich, dass es früher unter der gesamten Altstadt ein Labyrinth aus Kellern gegeben hat, die beinahe jedes Haus miteinander verknüpften. Selbst hoch zum Dom- und Schlossensemble soll es Gänge gegeben haben. Einige Gerüchte berichten sogar von einem unterirdischen Tunnel unter der Saale, der von Pferdefuhrwerken befahren worden sei. Die kilometerlangen Kellergänge hätten quasi eine Stadt unter der Stadt gebildet.

Das faszinierende an dieser Legende ist, dass es immer noch alte Gewölbekeller unterhalb der Innenstadt gibt, die besichtigt werden können. Der Einstieg in einen Teil des Kellerlabyrinths befindet sich im Kunsthaus Tiefer Keller in der Merseburger Innenstadt. Engagierte haben dort vor einigen Jahren begonnen einen Teil der Keller wieder freizulegen, die nach und nach mit Schutt verfüllt worden waren. Das Labyrinth aus Gängen und Lagerräumen unter dem Kunsthaus erstreckt sich über mehr als 300 Meter Gesamtlänge, verteilt auf vier Höhenlagen. Die Keller selbst sind zwischen zwei und sechs Metern breit und an der höchsten Stelle fast drei Meter hoch. Sogar einen Brunnenschacht hat man in den Kellern gefunden. Eine echte Besonderheit. Bemerkenswert ist auch das Alter der Keller. Die ältesten Gewölbe stammen aus dem 13. Jahrhundert.

Damals war Merseburg, an der Via Regia gelegen, ein wichtiger Warenumschlagplatz kurz vor den Toren Leipzigs. Dementsprechend mussten in der Stadt viele Waren gelagert werden. Mit einem ausgeklügelten baulichen System wurde erreicht, dass die Keller ganzjährig eine konstant feucht-kühle Temperatur haben, sodass sie als Naturalienlager für Lebensmittel genutzt werden konnten. Heute wird davon ausgegangen, dass die Keller als reine Lagerräume gebaut wurden und keineswegs der unterirdischen Fortbewegung dienten. Verbindungen zwischen den einzelnen Kellern haben wohl erst seit dem zweiten Weltkrieg existiert. Damals wurden die Gewölbe als Luftschutzkeller und Fluchtmöglichkeit genutzt. Aber auch wenn Teile der Legende nicht der Wahrheit entsprechen, sind die verwinkelten Gänge und jahrhundertealten Kellerräume allemal faszinierend.

Heute werden die Keller übrigens, ganz nach dem Motto des Kunsthauses, als Ausstellungsfläche für Skulpturen verwendet. Es gibt sogar einen Partyraum, der für private Feiern genutzt werden kann.
Neugierig geworden? Dann schaut doch einfach mal vorbei! Das Kellerlabyrinth lässt sich an jedem ersten Samstag im Monat im Rahmen einer geführten Kellertour erkunden.

Der Eingang zu den tiefen Kellern befindet sich im Kunsthaus tiefer Keller © Vera Schemmann

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