Elisa Schulz

Das Gelände ist groß. Die Gehwege lassen sich nur noch erahnen. Die Häuser stehen leer, die Tapeten hängen von den Wänden – es riecht feucht, muffig.
Aber gleichzeitig riecht es nach Farbe, es ist laut – man hört Musik. Bilder hängen verteilt an den Wänden und hier und da trifft man auf einen Besucher.
So war es am letzten Wochenende in Ballenstedt.

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Das Hauptgebäude der ehemaligen NAPOLA wird für das Festival vorbereitet.

Foto: heimat.Bewegt e.V.

In der alten nationalpolitischen Erziehungsanstalt (kurz NAPOLA) wurde ein Festival organisiert, das es in sich hat. heimatBewegt e.V. Ballenstedt und der Kulturanker Magdeburg haben den Berg und dem politisch geprägten Bauwerk eine ganz neue Aufgabe zukommen lassen: Ein Festival für Jung und Alt sollte entstehen. „Ein Ort zum Hören, Fühlen, Begreifen und Mitmachen“ mitten im Harz.
Und das ist eindeutig gelungen. Die ehemalige Kaderschmiede der Nazis wurde modern und neu umgesetzt. Künstler*innen reisten an-Musiker*innen, Maler*innen, Modeschöpfer*innen – und präsentieren was sie konnten.

Schulen zeigten ihr Können, wie z.B. die Theatergruppe des Wolterstorff-Gymnasiums die gleich mit einem Stück an den Start gingen, das es in sich hatte: Eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte – eine Geschichte über krasse Fehlschläge menschlicher Kommunikation.

Aber auch die Magdeburger Modeschule von Barbara und Lutz Liebecke war vertreten und präsentierten die Kreationen ihrer Schüler*innen.

Den Laufsteg mussten sie sich aber doch teilen, denn die Performancekünstlerin Anne Fracius zeigt eine ganz andere Art von Mode. Unter dem Titel „Naturmode aus Gräserblüten – eine Modenschau“, bekommt man genau das, was man erwartet. Verrückte Kleidung in braunen, lila, ja sogar grauen Tönen, die erst verwirren und dann plötzlich ein wahres Wunder sind, das man gern selbst tragen würde. Für uns eindeutig das It-Piece 2020!

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Schüler der Modeschule präsentieren ihre Werke

Foto: Carolin Rollnik

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Performancekünstlerin Anne Fracius und ihr Team

Foto: Oliver Franke

Sogar für die Kleinen war etwas dabei: Wer wollte den nicht schon mal eine Sprühdose in der Hand haben und eine Wand verschönern? Genau das war machbar und sogar gewünscht. Der Workshop von Jens Besser bot nicht nur spannendes Hintergrundwissen zur Szene, sondern man durfte seiner Kreativität freien Lauf lassen, ohne mit Ärger von den Eltern rechnen zu müssen.
Zwischen all den Angeboten wurde die Szenerie auf den zwei Bühnen mit Musik untermalt, mal Gitarre, mal Harfe und fast immer mit Gesang.

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Graffitiworkshop mit Hintergrundinformationen

Foto: Carolin Rollnik

Trotz all dem Vergnügen sollte die Geschichte des Ortes nicht versinken und so gab es neben einer Ausstellung „Eine Schule. Zwei Geschichten“ auch eine Buchvorstellung mit Wolfgang Schilling, „NAPOLA. Verführte Elite im Harz“. Das Buch befasst sich mit den NS-Bildungsanstalten mit ihren Ambitionen, Funktionen, ideologischen Hintergründen und deren Niedergang. Eins haben wir hierbei gelernt; was in dem Film „NAPOLA“ (2004/ Dennis Gansel) gezeigt wird, ist mehr Drama als Wahrheit.

Während man Samstagmittag eher die ältere Generation antreffen konnte, wurde abends das Ruder von den Jüngeren übernommen. Als „Hocus Pocus auf dem Zauberberg“ wurde hier eine Party gefeiert, wie in der kleinen Stadt lange nicht mehr. Auf drei Floors wurde getanzt und das Haus zum Beben gebracht. Elektro vom feinsten mit Niko Schwind, Tanith, CHANNEl-X und noch vielen mehr. An diesem Abend war der große Ziegenberg nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören.

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Welcher Programmpunkt steht als nächstes an? Das fand man in den Flyern.

Foto: Carolin Rollnik

Die Organisatoren wollten mit dem Kunstkurort Zauberberg den Leerstadt der Stadt und des historisch-politisch belasteten Gebäude füllen.
Haben sie es geschafft? – Ja, mit Kunst, Kultur und Kreativität lässt sich mehr erreichen als vermutet. Die Künstler konnten sich neue Räume schaffen und Gäste hatten die Möglichkeit zu lernen, auszuprobieren oder einfach dabei zu sein und sich treiben zu lassen.
Bei der diesjährigen Kick-off Veranstaltung verliefen sich die Angebote noch auf dem Gelände des Ziegenbergs, aber das könnte nächstes Jahr ganz anders aussehen und deswegen laden wir Euch jetzt schon ein, nächstes Mal dabei zu sein und einen Lost Place zu einem Found Place zu machen.

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Coole Stempel statt Bändchen - gut für die Umwelt

Foto: Oliver Franke

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