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Inside KMP: Ein Liveschnitt-Seminar

Was machen die KMPler eigentlich den ganzen Tag? Zum Beispiel praxisbezogene Seminare. Über eins davon folgt hier ein Beschreibungsversuch

„Seminarbeschreibung: Produktion einer Tagungsdokumentation auf Nivieau einer „Phoenix-Sendung“ in der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Herstellung von Vor- und Abspännen, Titelmusik, Elementen des Onairdesign.“

„Das klingt gut, da kann man anscheinend irgendwas mit Kameras und Gestaltung machen und dabei professionell aussehen. Das wähle ich!“

Einige Monate später:
Ping! Eine Mail: „Ganz wichtig (…) ist (…) für mich die Reflexion zur vergangenen Seminarveranstaltung. Verabredet sind ja 2 DIN A4-Seiten in Times New Roman Schriftgröße 12 und einzeilig. bitte nutzen Sie für diese schriftliche Arbeit die anhängenden Dateien, die Ausschnitte aus den Merseburger Medienpädagogischen Schriften (MMS) Bd. 1 darstellen als Anhaltspunkte hierfür. Gehen Sie bitte sowohl auf die Vorbereitungsphase als auch auf die Produktionswoche ein!“

So. Wir haben also vier Tage filmischer Begleitung eines wissenschaftlichen Kongresses mit einer Menge Vorbereitung hinter uns. Wo fängt man jetzt also so einen Rückblick an? Am Besten dort, wo das Seminar auch angefangen hat. Die Merseburger Medienpädagogischen Schriften empfehlen für die „Planung pädagogischer Videoproduktionen“ folgende Schritte:

1. Informationsphase: Diese Phase übernahm größtenteils der Dozent für uns.
Er machte die Bedarfsfeststellung, indem er die Organisatoren der wissenschaftlichen Tagung dazu überredete, dass wir ihre Veranstaltung filmen dürfen (kleiner Exkurs: Diese Leute organisieren eine viertägige Veranstaltung, laden einen Haufen kluger Leute ein, teilweise aus Übersee, die wiederum einen Haufen kluger Wissenschaft im Gepäck haben und niemand kommt auf die Idee, das für die Nachwelt aufzunehmen??) außerdem führte er die „Konstituierung eines Teams“ durch, indem er sein Vorhaben ins Vorlesungsverzeichnis eintrug. Er regelte Bedarfsfeststellung und dergleichen, so dass er uns im ersten Treffen im neuen Semester schon feste Termine und dergleichen präsentieren konnte.

Am Anfang waren wir sehr motiviert, wollten zusätzliche Trickfilme zum Thema basteln, hatten noch viele andere Ideen und der Dozent versuchte uns mehr oder weniger erfolgreich nicht nur für das Filmen, sondern auch für das Thema der Tagung, „Mechanismen der Elitebildung“ zu begeistern und zur Diskussion zu bringen. Nachdem wir also einige Sitzungen durchdiskutiert hatten, die Trickfilm-Idee aus Zeitgründen im Sande verlaufen war und hübsche Bauchbinden und Schnittbilder erstellt worden waren, fingen wir an, uns technisch auf die Produktionsphase vorzubereiten. Schließlich brauchten wir weder Drehbuch noch Storyboard und einfach insgesamt keine wirkliche Konzeptionsphase.

Wir begannen also, uns mit der Technik vertraut zu machen. Wir hatten alle unterschiedlich viele Erfahrungen mit den Gerätschaften und schleppten erstmal alles an, was wir später in dem großen Tagungssaal brauchen würden und bauten es unter der Anleitung des Dozenten in dem viel zu kleinen Seminarraum zwischen der Radiostation, ausgelagerten Röhrenfernsehern und Videokassetten auf, um auszuprobieren, ob das alles so funktionierte, wie wir uns das vorstellten.
Es funktionierte nicht, also probierten wir es nochmal und nochmal. Für jeden fand sich eine Aufgabe: Kameras aufbauen und testen, Mikros und Kabel und Splitter und noch mehr Kabel und Beamer und Wandler mit professionell klingenden Abkürzungen miteinander verknoten und alles wiederum mit noch mehr Kabeln mit dem Gerät, das alles zusammenbaut, verbinden, sich mit dem Gerät vertraut machen, über Kabel stolpern, die Kabel zur Seite gaffern und so weiter.

Nachdem wir das also einige Male geübt hatten, war das Ende des Semesters näher gerückt und damit auch die Filmwoche.
Der Dozent und die Mitarbeiter des Medienzentrums, die übrigens von innen ganz und gar aus Gold sind, hatten schon alles zusammengepackt und wir mussten es nur noch in den großen Transporter schleppen und damit nach Halle zur Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina fahren.

Die Leopoldina ist ein großes, herrschaftliches Gebäude mit penibel gepflegten Gartenanlagen, geschlossenen Eisentoren davor, innen riesigen Treppen und überall Marmor. Hier sollte also die Tagung zum Thema Elitebildung stattfinden. Das schien sonst niemand witzig zu finden. Ich hätte mir so ein Thema ja lieber in der vergammelten Schulaula einer Brennpunkt-Grundschule gewünscht, aber dafür enthielten die PowerPoint-Präsentationen wohl zu wenig Bilder und gif-Animationen. Nun konnten wir also endlich alles anwenden, was wir in den letzten Monaten gelernt hatten. Zugegeben, viele Dinge, wie Ton und Beamer und so verschnüren, überließen wir lieber den Erfahreneren, aber in solchen Dingen wie Kameras aufbauen und gefühlt 1000 Meter BNC-Kabel durch die Gegend zu legen und an den Fußleisten festzukleben, sind wir schon ganz gut.
Da das Livemisch-Gerät, an dem alles zusammenkommt, in einem anderen Stockwerk stehen sollte, mussten die Kabel teilweise auch wie Lianen aus dem Fenster heraus nach unten, um die nächste Ecke und zur nächsten Tür wieder hinein improvisiert werden. Aber es war ja zum Glück noch Sommer, also nicht so schlimm, dass man die Tür deshalb nicht mehr schließen konnte.

Das Filmen klappte dann mit erstaunlich wenig Zwischenfällen.

In der Whatsapp-Gruppe wurden derweil Infos ausgetauscht: Hier zum Beispiel ein Foto von Kamerakind Anne

Wir hatten anscheinend tatsächlich
an alles gedacht, sogar an Hochschul-T-Shirts. Unser Vorhaben, die Vorträge visuell für die Nachwelt festzuhalten, erschien mir umso wichtiger, als ich sah, wie wenig Leute gekommen waren um sich das Live anzuschauen. Da wären die sicher traurig gewesen, wenn sie die ganze Mühe gemacht hätten und so wenig Reichweite gehabt hätten. Dachte ich.

Allerdings merkte ich bald, woher ihre Bedenken zum Filmen kamen, da viele Vorträge recht monoton waren und mit unübersichtlichen oder ganz ohne PowerPoint-Präsentationen auskamen, also ein Heft mit den Niederschriften völlig ausgereicht hätte, um es „für die Nachwelt festzuhalten“.
Vielleicht können wir da manchen Professoren bald auch noch etwas beibringen. Fürs Erste haben sie mit Tatsache, dass Kameras gar nicht giftig sind, schon genug gelernt. Denn das ist auch Medienpädagogik: Menschen die Ängste vor Neuem nehmen. Auch Älteren, die vermeintlich viel mehr Erfahrung haben.

Und auch wir haben eine Menge gelernt: Vor allem den Umgang mit Filmequipment vertieft, aber auch verschiedensten Situationen einer Liveübertragung kennengelernt, von „Oh, ich hätte wohl vorher mal fragen sollen, wo bei diesem Modell die Blende ist“, über ein ständiges „Planänderung: Nummer X filmt jetzt doch mal die Leinwand mit, das klappt hier grad irgendwie nicht extern und du filmst dafür so und Nummer Y nicht wackeln, du bist gerade drauf!“ im Ohr bis zu „Hm, mir ist grade irgendwie langweilig und ich bin nicht drauf, welche der schlafenden Personen aus dem Publikum könnte ich den jetzt mal ranzoomen?

Insgesamt haben wir so, meiner Meinung nach, auf allen medienpädagogischen Ebenen „Wissen – Analysieren – Handeln“ etwas gelernt und eine Menge Medienkompetenzen erworben.

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