Kerstin Brust

„Ach, da ist ja dieses komische Campusfest.“, meint einer unserer Dozenten. Ihm ist grade eingefallen, dass sich für den nächsten Tag einige Studierende von seinem Filmprojekt abgemeldet haben, weil sie das Campusfest mit aufbauen werden. Na toll, denke ich. So wirklich dahinter zu stehen scheint er ja nicht. Ist das also das Bild vom Campusfest? Eine obligatorische Feierlichkeit, bei der sich die ruhelosen KMPler mal ein bisschen austoben und bunte Lichterketten aufhängen dürfen? Meine Vorfreude, die sich im Laufe des vorangegangenen Semesters entwickelt hatte, wird ein wenig gedämpft.

Fast jede Woche hatten wir uns im Seminar „Kulturarbeit auf dem Campusfest 2017“ getroffen, um ebendieses zu organisieren. Unter der Leitung eines Masterstudenten gingen wir immer wieder die Fortschritte der anfangs verteilten Aufgabenbereiche durch: Wo steht die Bühne? Wie weit sind die Flyer? Hat sich das Hotel für die Bands endlich gemeldet? Was sollen die Bands essen? Was sollen alle anderen überhaupt essen? Könnten wir nicht doch eine Hüpfburg haben? Welche Zeitungen kann man noch kontaktieren?

Ich war zum Beispiel im Team „Öffentlichkeitsarbeit“. Ich schrieb Zeitungen an – was außerhalb Merseburgs aber nicht sonderlich erfolgreich war – verfasste Pressemitteilungen, und ließ mich von der MZ Merseburg interviewen und unvorteilhaft fotografieren. Außerdem war ich im Dokumentationsteam, aber davon später mehr.

Nun ist es aber endlich so weit: Der 28. Juni ist da…

13.30 – Festgelände: Ich habe endlich die Leute gefunden, denen ich eigentlich schon seit einer halben Stunde beim Einräumen der Bänke helfen sollte. Nun haben sie es ohne mich geschafft, auch gut. Meine Vorfreude steigt wieder, als ich die ganzen Menschen auf dem Gelände sehe: Sie hängen bunte Hippie-Tücher auf, klettern mit Lichterketten auf Bäumen herum, schleppen Pavillons und sehen auf viele andere Weisen beschäftigt aus. Wer grade eine Sache erledigt hat, testet die Liegestühle und wartet auf die nächste hilfesuchend ausgestreckte Hand.

Insgesamt sind von „’ist ja ganz entspannt noch!“ bis „Was? Um 15 Uhr geht’s schon los?!?“ alle Einstellungen vertreten und sorgen für eine geschäftige aber produktive Stimmung.

Inmitten des bunten Wirrwarrs sitzt Jan, unser Dozent und Organisator des Festes mit seinem Laptop, beantwortet Fragen und dementiert aufkeimende Gerüchte über angeblich abgesagte Acts.

14:30: Der bisherige Regen wird von einem kühlenden Lüftchen abgelöst, aber niemand weiß, wann er wiederkommen wird. Den ganzen Tag schon sagt der Wetterbericht eher schlechtes Wetter voraus und macht uns Sorgen.

14:55: Immer noch sind alle Attitüden vertreten, von „Geht’s nicht schon in fünf Minuten los?“ – „Ach, ich find’s gut, dass grade nicht alle so stressen…“ bis hin zu einem selbstkritisch reflektierten „NEIN, DAS SIEHT DOCH ALLES SCHEIßE AUS, GUCK DOCH MAL!“ ist die Stimmung der Aufbauenden immer noch durchwachsen. Die Liegestühle werden leerer, die Frage „Hat grad jemand nix zu tun?!?“ häufiger. Vielleicht sollte ich mal aufhören, mir Notizen für diesen Artikel zu machen und lieber weiter mit anpacken.

16:00: Der Aufbau ist weitgehend abgeschlossen. Noch ist nicht so viel los, aber einige Menschen tummeln sich schon auf dem Gelände verteilt. Zwei Kommilitoninnen eröffnen offiziell das Campusfest und kündigen die erste Band Bag of Culture an. Die Aussage „Wer nach vorne zur Bühne kommt, kriegt einen Shot umsonst!“ wird zwar eher belächelt, aber schon bald sitzen und tanzen ein paar Leute vor der Bühne herum.

17:00: Der Kommilitone, der bis jetzt fotografiert hat, muss los und lässt mich mit der Kamera alleine, obwohl ich überhaupt keine Ahnung vom Fotografieren habe. Aber da der Rest des Dokumentations-Teams krank ist, werde ich mal mein Glück versuchen. Zwar haben hier anscheinend alle außer mir Ahnung davon und versuchen mir etwas zu erklären, wirklich helfen tut mir das aber auch nicht. Ich probiere ein bisschen herum und komme doch immer wieder auf die Automatikfunktion zurück. Notfalls werde ich einfach behaupten, das sollte so verwackelt, das ist halt Kunst. Außerdem machen ja noch genug andere Leute Fotos…

Die Menschen und Hunde um mich herum scheinen sich gut zu amüsieren und füllen das Gelände mit einer entspannten Stimmung aus Plauderei und Gelächter. Sie stehen oder sitzen entspannt zusammen, reden, spielen Karten, werfen Frisbees. Und vor allem lauschen sie der Musik, ob sitzend, wippend oder ausgelassen tanzend.

17:30: Bag of Culture wird von Ballad of Geraldine aus Halle abgelöst. Das Gelände ist mittlerweile gut gefüllt und sogar der Bürgermeister ist gekommen. Unsere Diskussion, wer denn jetzt zu ihm gehen und ihm die Hand schütteln sollte, erspare ich euch an dieser Stelle…

18:00: Der Poetry Slam im Hörsaal fängt an und ich gönne mir und der Kamera eine Pause, um den tollen Texten der Gäste zu lauschen, die zum Teil extra dafür aus Merseburg, Halle und Umgebung angereist sind. Das mögen anscheinend auch die anderen Zuschauenden im halbleer.., ääh halbvollen Hörsaal und heben die Stimmung mit viel Applaus und Jubelei.

20:00: Huch, der Poetry Slam dauert länger als ich dachte. Mittlerweile hat es anscheinend geregnet und wieder aufgehört, zum Glück hat das die Stimmung nicht besonders getrübt. Die nächste Band, Holler my Dear, ist schon beim letzten Stück angekommen. Für das Slam-Finale hole ich mir von Alex und Albrecht aus Halle etwas von dem famosen veganen Essen von das neben dem ebenfalls famosen Grillgut des Wärmis angeboten wird.

22:00: Die ersten sind schon gegangen, einige kommen gerade an. Es ist dunkel geworden und die vielen Lichterketten und Lämpchen sind an der Reihe, drauflos zu leuchten wie am Weihnachtsbaum: Sie tauchen das ganze Gelände in ein romantisches Sommerfestlicht. Nicht ganz so romatisch fetzen Sparkling und Odd Couple drauf los und holen nochmal alles aus den Tanzfreaks heraus. Die Gemütlichkeitsfreaks lassen sich davon aber nicht stören und leeren weiter fleißig ihre Flaschen und Tabakbeutel.

23:30: Der letzte Act ist wohl auch der am meisten Spaltende: Die Rapperin Haiyti aus Hamburg ist dran und die Besucher, die mit Rap so gar nichts anfangen können, machen sich auf den Rückweg. Aber die, die bleiben, drehen dafür umso mehr auf und wollen so nah wie möglich an der Bühne zappeln. Ihre Enttäuschung ist echt, als um 00:30 auch dieser Auftritt endet und damit auch das Ende der Veranstaltung in sichtbare Nähe rückt.

Etwa um eins oder vielleicht auch halb zwei, fangen wir mit dem Abbau an. Flaschen zusammensammeln, Liegestühle vor Diebstahl bewahren (leider nicht alle – grr!), Lichterketten heruntertüddeln und was sonst noch so anliegt.

02:30: Alles ist reingeräumt, der Kühlschrank auf dem Weg in’s Wärmi und wir sind sehr geschafft, aber irgendwie glücklich. Glücklich, dass es lief, dass es geschafft ist und glücklich über unser Bett, das nach uns ruft. Der Rest wird morgen aufgeräumt.

12.07.17 –  Zwei Wochen später: Das Reflexionstreffen in Halle bringt nicht wirklich überraschende Erkenntnisse. Dies und das war blöd aufgeteilt, hier und da hätte man besser planen können. Wie das nun mal so ist. Insgesamt herrscht aber eine positive Stimmung von Zusammenhalt und Gemeinschaft und auch ein bisschen Stolz. Es hätte alles sehr viel schlimmer laufen können.

Meine Mitbewohner, die ich nach ihrer Meinung von außerhalb frage, reagieren gemischt. Von „Ausbaufähig“ bis „War okay. Diese eine Band war nicht so meins.“ reichen diese und wirken auf mich eher nichtssagend. In Sachen Musik kann man es sowieso niemandem rechtmachen. Aber auf einmal merke ich, dass mir das gar nichts mehr ausmacht. Wir hatten eine gute Zeit, haben viel gelernt und ändern können wir jetzt sowieso nichts mehr. Außerdem spricht nichts dagegen, es im nächsten Jahr noch besser zu machen.

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