brgr

Immer wenn es um weibliche Programmiererinnen geht, muss ich an Margaret Hamilton denken.Besonders ein Bild von ihr macht regelmäßig die Runde im Internet. Es zeigt Hamilton – zu jenem Zeitpunkt leitende Software-Ingeneurin bei der NASA – neben einem Stapel handgeschriebenen Computercodes, der der zierlichen Frau bis an den Scheitel reicht. Der von Hamilton und ihrem Team entwickelte Code, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass es die Apollo 11 Mission in einem Stück zum Mond und wieder zurück schaffte. Ein Bild mit Kultstatus und wer es einmal gesehen hat, versteht warum. Hamilton war zu jenem Zeitpunkt gerade mal 33 Jahre alt, wirkt aber um Jahre jünger. Sie lächelt, während sie mit einer Hand den Papierstapel stützt und sieht mit ihren langen Haaren und ihrem kurzen Kleid mehr nach Woodstock als nach Cape Canaveral aus.

Heute liegen die Dinge etwas anders. In den USA machen Frauen höchstens ein Viertel der Arbeitskräfte in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) aus, in Deutschland und Europa dürften die Zahlen kaum besser sein. Wie Hamilton bezeugen könnte, war das durchaus nicht immer so, erst im Laufe der 80er Jahre sinkt der prozentuale Anteil von Computerspezialistinnen. Und – die theoretische Erfinderin des Computers, die Britin Ada Lovelace (1815 – 1852), war gar – man höre und staune – eine Frau.

Da geht also noch was, finden auch die beiden Leipzigerinnen Julia Hoffmann und Natalie Sontopski. Die beiden haben „Code Girls“ gegründe, eine Initiative, die ausdrücklich „Nicht-Programmier.innen“ den Zugang zum Coden erleichtern möchte. Alle zwei Wochen treffen sie sich deshalb mit Interessierten im Social Impact Lab in Leipzig. Am 4. November kommen sie für einen Vortrag beim „SWAP-Netzkultur“, dem Bürgerforum für Netzpolitik und Netzkultur in Mitteldeutschland, nach Halle. Die beiden waren so freundlich mir für ein Interview Rede und Antwort zu stehen.

COMM: Fröhlichen nachträglichen Ada Lovelace Day! Habt ihr gefeiert?

Julia Hoffmann (JH): Vielen Dank! Explizit gefeiert haben wir nicht, aber Ada natürlich auf unserer Facebook-Seite gewürdigt. Ich mag Ada sehr gerne, weil sie einerseits eine sehr glamouröse und selbstsichere Lebedame war, andererseits eine visionäre Analytikerin. Sie hat in ihrem leider nur sehr kurzen Leben ohne große Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen ausprobiert, worauf sie Lust hatte und ist ihren diversen Leidenschaften vom Glücksspiel bis zur Mathematik nachgegangen. Ihre Begeisterungsfähigkeit und Vielseitigkeit finde ich sehr bewundernswert.

COMM: Ihr seid beide über Umwege beim Programmieren gelandet. Wie kam es dazu? Was hat Euch am Programmieren interessiert?

JH: Wir kommen beide eher aus der sozial- und geisteswissenschaftlichen Richtung und hatten bis wir Mitte Zwanzig waren, wenig mit Programmieren zu tun. Natalie hat Sozialwissenschaften und European Studies studiert, ich Kommunikations- und Medienwissenschaften. Natalie betreibt schon länger einen Blog (endemittezwanzig.de) und hatte in diesem Zusammenhang Erfahrungen mit HTML und CSS gesammelt. Ich hatte während meines Masterstudiums mit Online-Kursen in Webdesign und JavaScript begonnen, weil mich die Denkweise interessiert hat und ich wissen wollte, wie die Anwendungen funktionieren, mit denen ich jeden Tag arbeite. Natalie und ich haben uns eines Tages auf der Treppe der Unibibliothek getroffen und festgestellt, dass wir beide gerade unser Interesse am Programmieren entdeckt haben. Ein paar Wochen später gewann Natalie dann zwei Ticket für die Campus Party, ein Tech Festival in Berlin. Dort sahen wir einen Vortrag der Rails Girls Berlin, einer Gruppe, die EIínstiegsworkshop für Frauen in die Sprache Ruby on Rails organisiert. Da es in Leipzig noch keine derartige Gruppe gab, dachten wir uns, tja, dann müssen wir das wohl machen. Wir haben dann ganz klassisch selbst Poster gebastelt, kopiert und aufgehangen und geschaut, ob es Interessentinnen gibt. Und nun gibt es uns schon seit vier Jahren.

COMM: Und – war aller Anfang schwer?

JH: Am Anfang gibt es schnell Erfolgserlebnisse, besonders weil jeder Code Schnipsel, der funktioniert, und jedes eigen HTML-Script, das die Website auf dem Bildschirm verändert, magisch wirkt. Das schwierige ist, die Motivation beizubehalten. Das war ein Grund, warum wir die Code Girls gegründet haben. Zusammenzusitzen und verschiedene Lernprogramme auszuprobieren und sich gegenseitig kleine selbstgebastelte Programme zu zeigen, hat uns dabei geholfen, nicht aufzugeben. Es muss auch nicht jede, die bei uns mitmacht, Programmiererin werden (sind wir selbst nicht), aber einen groben Einblick in die Welt hinter dem Bildschirm zu haben, kann nicht schaden, schließlich sind wir permanent von Programmen umgeben. Was uns am Anfang gefehlt hat, war eine kompakte Einführung. Es gibt zwar viele tolle Tutorials und Lehrbücher für die einzelnen Sprachen, aber wir hätten zum Einstieg gerne einen groben Überblick über die Welt des Programmierens gehabt. Diesen Ansatz haben wir in unserem Buch „We Love Code!“, eine Art Programmieren für Nicht-Programmierer verfolgt, das dieses jahr erschienen ist.

COMM: Warum programmieren weit weniger Frauen als Männer? Kein Interesse? Trauen wir uns nicht?

JH: Das ist eine sehr gute Frage, die wir uns auch immer wieder stellen. Ich denke, es liegt vor allem an dem Mangel an weiblichen Vorbildern und dem stereotypen Bild, dass wir von Programmieren haben. Interessant ist auch, dass bis in die 80er Jahre hinein das Programmieren eine Frauendomäne war und in anderen Ländern das Verhältnis zwischen Männern und Frauen deutlich ausgeglichener ist. Ich denke, dass Gruppen wie die Rails Girls, Django Girls und hoffentlich wir, dieses stereotype Bild etwas korrigieren können und Frauen dazu ermutigen, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Es ist aber gar nicht so leicht, den Wissensvorsprung aufzuholen. Aus meiner Klasse sind genau die Jungs Programmierer geworden, die es schon in der 9. Klasse geschafft haben, trotz Restriktionen Counter Strike auf den Schulrechnern zu installieren.

COMM: „Du nennst es Programmieren. Wir nennen es Rock’n’Roll“ heißt es in eurem Buch. Hat es für euch was mit Gegenkultur zu tun, programmieren zu lernen?

JH: Nicht zwangsläufig. Ich sehe Programmiersprachen als Instrumente, um kreativ zu werden, eigene Ideen umzusetzen und Probleme zu lösen. Das kann natürlich in einem gegenkulturellen Zusammenhang genutzt werden, als Erstes fallen in dieser Richtung natürlich Hacker oder Vereinigungen wie der Chaos Computer Club ein. Programmiersprachen sind nur Werkzeuge, was man damit macht, hängt von der Menschen ab, die sie verwenden. Um sich zu Themen wie Vorratsdatenspeicherung, dem Konflikt zwischen Apple und dem FBI, als es um die Entsperrung von Smartphones ging, oder Datendiebstahl eine Meinung bilden zu können, ist es schon hilfreich, sich mit den Grundprinzipen und aktuellen Entwicklungen der digitalen Welt auseinanderzusetzen und einzuschätzen, welche Dienste ich nutzen möchte und auf welche ich lieber verzichte.

Vielen Dank an Natalie und Julia. Das umfangreiche Programm des swap:NETZKULTUR Forums findet ihr hier und die Facebookseite des Vortrags „We love Code: Programmieren für Nichtprogrammierer.innen“ hier.

Schreibe einen Kommentar