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Für die Revolution des Prole…äh, der Schülerschaft!

Eine Standpunktrede.

Zwei Jahre ist es nun her, seitdem ich die Hochschulreife erreicht habe, seit einem Jahr studiere ich Kultur- und Medienpädagogik in Merseburg.
Natürlich könnte ich die Schulzeit einfach hinter mir lassen, sagen „mir doch egal, was mit den jetzigen Schülern ist“, doch das kann ich nicht. Wenn ich sehe, welchen Ungerechtigkeiten mein kleiner Bruder in der Schule ausgesetzt ist, wächst der Wunsch in mir, etwas zu tun, die Leute „da oben“ in den Büros des Kultusministeriums wach zu rütteln. Deswegen bediene ich mich auf dieser Plattform einer etwas unkonventionellen Methode: Einer halb-satirischen Standpunktrede, ich wiederhole, Achtung, Satire, um das auszudrücken, was mir in meiner Schulzeit nicht möglich war. Und den Menschen, die genauso denken, eine Stimme zu geben.

Es ist ein Thema, was die meisten von uns ein ums andere Mal um den Schlaf gebracht hat:
Unser Bildungssystem
. Natürlich, und das möchte ich auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen, können wir uns wirklich glücklich schätzen, ein solches Ausmaß an kostenloser Bildung genießen zu können. Denn, wie jeder weiß, ist Wissen und die schulische Ausbildung in vielen Teilen der Erde keine Selbstverständlichkeit. Allerdings sind mir nach zwölf Jahren Schule viele Tatsachen aufgefallen, die mich nachdenklich stimmen. Gerade im Gespräch mit ehemaligen Mitschülern und Freunden, die andere Gymnasien und Oberschulen besuchten, wird die Präsenz dieser Angelegenheit sehr deutlich.
Die Kritik am bestehenden Charakter unseres Bildungssystems wird immer lauter. Und das nicht ohne Grund: Zwischen den einzelnen Schularten herrschen gewaltige Unterschiede, die nicht nur an Qualität und Umfang der vermittelten Bildung messbar sind.

Manchmal fragt man sich fast, ob am Gymnasium einfach davon ausgegangen wird, dass der größte Teil der Schülerschaft in der Chefetage landet. Und die Oberschüler die fleißigen Arbeitskräfte unter der Aufsicht der ehemaligen Gymnasiasten werden. Auch wenn diese Aussage etwas drastisch erscheint, so beruht sie auf einen prägnanten Hintergrund: Die Oberschüler werden ganz und gar zukunftsorientiert unterrichtet. So werden sie beispielsweise in dem Fach Wirtschaft/Technik/Haushalt, kurz WTH, in Haushaltsdingen eingewiesen. Dabei lernen sie etwa nähen und kochen auf Bewertung.
Sie werden in speziellen Lernbereichen auf die Praktikums- und   Ausbildungssuche vorbereitet und kalkulieren in ausführlichen Rechnungen, wie viel eine Wohnung kosten darf. Wir als Gymnasiasten beschäftigten uns natürlich mit viel bedeutenderen und weltbewegenden Themen wie kalorimetrische Reaktionsenthalpien und Integralrechnung. Ich habe zwar keine Ahnung, wie ich mir bei einer Erkältung eine Hühnersuppe kochen kann, aber zum Glück weiß ich ja, ob dieser Vorgang eine endo- oder exotherme Reaktion ist.

Meiner Ansicht nach wird am Gymnasium viel zu viel Wert auf bestimmte Inhalte gelegt, die nie wieder gebraucht werden, wenn man den jeweiligen Bereich nicht gerade studieren möchte. Die meisten von uns haben den Kopf voller Fakten, fühlen sich aber für alltagsnotwendige und wesentliche Aufgaben vollkommen unvorbereitet. So kann ich vergleichsweise einen inneren Monolog auf drei Sprachen verfassen, hab aber keine Kenntnis über Steuern, Miete und Verträge. Da stellt sich die Frage, ist das alles noch Allgemein- und Grundbildung?

Auch werden die Gymnasiasten völlig wegen des NC unter Druck gesetzt. Nach dem wird aber außer bei der Studiums-Anmeldung nie wieder gefragt. Insgesamt ist der Anspruch wegen der großen Anzahl an Fächern und sehr spezifischen Lernbereichen zu anspruchsvoll. Dass es auch anders geht, zeigen beispielsweise die Schulen in Kanada: Dort ist die Wahl jedes Faches möglich, ganz individuell an Stärken und Interessen anpassbar. Zwar können wir zur Oberstufe hin Fächer wie Kunst oder Musik abwählen, aber die große Bandbreite bleibt. Die Vorbereitung auf die persönliche  Zukunft bleibt fast vollständig auf der Strecke. Das Verhältnis zwischen Druck und Ergebnis bzw. sinnvollen Elementen stimmt nicht. Wenn mein Kind später mit mir Kastanien und Bucheckern sammeln möchte, antworte ich: „Du, ich weiß leider nicht, wie eine Buchecker aussieht, aber ich kann dir gern den Aufbau eines Mitochondriums erklären.“ Um dieses Problem zu beseitigen oder zumindest zu optimieren, sollte darüber nachgedacht werden, ob man bestimmte Fächer wie zum Beispiel Chemie nur ein, zwei, vielleicht drei Jahre in Grundzügen unterrichtet. So ist die Vermittlung des für das Allgemeinwissen relevanten Stoffes garantiert. Anschließend sollte das Abwählen möglich sein, je nachdem, ob man stark in dem Fach ist und es für die eigene Zukunft einmal eine Rolle spielt.

Auch die Unterschiede zwischen den Schulen in den einzelnen Bundesländern sind gravierend.
Wenn ein notorischer Vieren-und Fünfenschreiber in einer sächsischen Schule nach einem Umzug nach Hessen auf einmal Klassenbester ist, kann das ja nicht nur am guten Willen liegen. Über die Folgen des ständig zunehmenden Drucks während der Abiturzeit sind sich nur wenig Lehrer und Eltern im vollen Ausmaß bewusst. Und wenn doch, dann wird nicht viel dagegen unternommen. Burnout unter Erwachsenen wird öfter in den Medien thematisiert, aber über die wegen Schule psychisch kranken und ernsthaft an Schulangst leidenden Jugendlichen ist kaum etwas in der Gesellschaft bekannt.

Ich übe ganz klar Kritik an diesem übertriebenen Leistungssystem aus. Druck ist in vielen Fällen sogar vom Vorteil, das ist hier nicht der Punkt, aber sobald alles überhand nimmt und ins Negative umschlägt, sollte eindeutig über eine Veränderung diskutiert werden. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass viele von uns beim Abschluss der Schullaufbahn mit dem weitläufigen Wissen nicht viel anfangen können. Ungewissheit und Perspektivlosigkeit stehen neben Abivorbereitung und Studienwahl auf dem Programm. Aber warum machen wir uns eigentlich so einen Stress? Mit unserem qualitativen und sinnvoll anwendbaren Wissen und dem Abitur kommen wir ja sowieso direkt in die Führungsposition, auch wenn wir am Ende des Tages keine Steuererklärung abgeben können.
Aber dafür können wir ja dann den gehorsamen und arbeitstüchtigen Oberschüler zu Rate ziehen.

Wer sich gern weiter mit der Thematik beschäftigen möchte, dem empfehle ich die drei folgenden Videos auf Youtube:

https://www.youtube.com/watch?v=-q0Sm8Kldn0
https://www.youtube.com/watch?v=P0q4ZNUPaKw
https://www.youtube.com/watch?v=RcPtFgp-xmU

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