Theresa Kroemer

Theaterexpedition „alles was weiß ist schnee“

veranstaltet im Rahmen des INTRO Festival Leipzig 

24., 25. und 26. Juni

Ein akustisches Wirrwarr aus Störgeräuschen, welche an Straßenbau-, Flugzeug- und Alltagslärmsequenzen erinnert, leitet die als Expedition bezeichnete Audio-Tour ein. Ich befinde mich zum mit mir individuell vereinbarten Zeitpunkt vor der Haustür eines Eckhauses am Stannebeinplatz. In dem Wächterhaus in Schönefeld, in dem sich die Projektwohnung „krudebude“ befindet, wurde ich zuvor von einer Frau, ähnlich einer Empfangsdame, erwartet, freundlich begrüßt und instruiert. Ich trage Kopfhörer und stehe in einem Rechteck aus aufgemalter Kreide.

Ein hallendes „Hallo. Ist da jemand? Hörst du mich?“ mischt sich in die lärmende Geräuschkulisse.

„Da bist du ja. Habe ich deine volle Aufmerksamkeit? Gut. In den nächsten 30 Minuten werde ich dich auf deinem Weg begleiten. Ich bin bloß eine Stimme. Damit ich existieren kann, brauche ich jemanden, der mich hört. Ich bin nur durch dich. Du glaubst dem was du siehst, mehr als dem was du hörst. Trotzdem bitte ich dich mir zu vertrauen. Ich werde dich führen, dafür bin ich ja da.“

Ich werde zudem von der Stimme vorgewarnt, auf dem Weg in meiner eigenen Welt zu sein und Dinge zu hören, die mir real erscheinen mögen und Dinge zu sehen, die ich für echt halte.

Hörbare Schritte geben während der gesamten Tour mein Lauftempo vor und garantieren mir, dass ich nicht „verloren“ gehe. Ich bemerke, dass mein eigenes Schritttempo schneller ist und gleiche es an. Das Verlangsamen lässt mich entspannen. Die Stimme schlägt mir vor, mir vorzustellen, dass jeder Schritt ein Wort wäre. Was für ein seltsames Gedankenspiel! Ich versuche mich darauf einzulassen.

Auf meiner Expedition begleiten mich ähnlich einer Collage Geräusche, sphärische Klänge, Schritte, Musik und Stimmen, die mich lotsen, auffordern gedankliche als auch reale Versuche anzustellen und ab und an Texte zitieren. Ich erhalte den Auftrag irgendetwas zu finden, das mir auf meinem Weg auffällt. „Vielleicht ist es ein kleines Blatt oder ein Stein. Es kann ein Klang sein, ein Geruch, eine besonders intensive Farbe.“

Als sehr markanten Moment habe ich die erste Station der Audio-Tour in Erinnerung. Ich stehe erneut in einem Kreide-Rechteck, diesmal auf einer Brücke. Mein Blick schweift über die Zuggleise. In meiner Vorstellung sehe ich mit Hilfe der Hörsituation einen Zug vom Bahnhof in meine Richtung fahren. In einer Art historischem Flashback höre ich eine Pferdekutsche auf einer alten Landstraße rollen. Das Gehörte wird zu meiner Überraschung vor meinem inneren Auge tatsächlich sichtbar! In der sommerlichen Abenddämmerung fange ich sogar eine kühle Schneeflocke und lass sie in die Tiefe fallen.

Während meiner Expedition bewege ich mich durch das Viertel. Ich laufe mit allerlei Sinneseindrücken Straßen entlang und betrete einen Park. Nachdem ich ein Tor aus Buchen durchschreite, erkenne ich dahinter einen riesigen Tanzsaal, in dem Bratschenmusik ertönt. Meine Imagination wird durch andere Parkbesucher und einen Hund gestört. Die Stimme in meinen Ohren erzählt, dass sich alles um mich herum zu drehen beginnt und meint „Du drehst dich mit.“ Das will mir nicht gelingen, ich beschließe den Moment in meiner Vorstellung zu genießen. Ich muss lächeln, da ich mir vorstelle, dass die Parkbesucher sich bestimmt über die tanzenden Kopfhörerträger an diesem Abend wundern.

Nach einer weiteren Etappe, dem Besuch der „Zentrale des Rauschens“, begebe ich mich mit meinem gefunden Gegenstand, einem mit Klarsichtfolie überzogenen halbleeren Dessertglas, zurück in die „krudebude“, um ein Stück Wirklichkeit zu archivieren.

Mit einem zufriedenen Schmunzeln betrete ich die charmant verfallene und ruhig wirkende Wohnung. Die Räumlichkeiten sind mir durch andere Kulturveranstaltungen, wie Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und Theaterinszenierungen vertraut, heute strahlen sie eine ganz andere Stimmung aus: Die drei Zimmer gleichen einem Kuriositätenkabinett, in dem alltägliche Fundstücke drapiert und durch Titel, Datum, Anmerkung und Nummer gekennzeichnet sind. Es ist spannend die mitgebrachten Dinge der anderen Expeditionsteilnehmer zu betrachten: Scherben, Kisten, verschriftlichte Erinnerungen, eine Visitenkarte, ein Knicklicht. Besonders ein blinkendes mit Geräuschen gefülltes Marmeladenglas bleibt mir in Erinnerung.

Milena Noëmi Kowalski, die Dramaturgin des Projektes, hat sich bei der Konzeption der Expedition von dem Theaterstück „Kaspar“ von Peter Handke inspirieren lassen, verrät sie mir. Es handelt von der Situation eines in die Welt geworfenen Menschen, der dem historischen Findling Kaspar Hauser vor rund 200 Jahren nachempfunden ist. Ohne Verhaltensmuster, auf wackligen Beinen und mit geringem Sprachschatz ist Kaspar angstvoll seiner Umgebung, aber gleichzeitig auch einer großen Freiheit und seiner Fantasie ausgesetzt.

Die Theaterexpedition „alles was weiß ist schnee“ schafft es ohne direkte Hinweise auf beeindruckende Weise diese Situation durch akustische Reize zu adaptieren und eine Spielerei zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu ermöglichen. „Das Spannende war, dass die Route an sich unspektakulär, alltäglich war. Aber durch die Expedition lief ich die Strecke mit einer anderen Achtsamkeit und Sinneswahrnehmungen ab.“, so schildert auch Tina Müller, eine begeisterte Expeditionsteilnehmerin, ihre Eindrücke nach der Audio-Tour.

29.06.2016, Theresa Kroemer

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