Svenja Gröber

Viele Romanzen und Tragödien beschreiben es auf vielfältige Art und Weise, die Freuden und Leiden der Liebe. Besonders spannend wird es, wenn mehrere Personen in den Pool gefüllt mit Sehnsucht, Lust, tiefen Gefühlen und Eifersucht hopsen und die Entscheidung für einen Partner durch das Verteilen von Blümchen, in Zeiten von Bachelor und Co. symbolisiert wird. Mal abgesehen von der in diesen Formaten praktizierten Niederstreckung hart erkämpfter Emanzipation. Wer sagt eigentlich, dass man am Ende nur eine Rose verteilen muss?
Schon mal was von Polyamorie gehört?

Als Utopie abgestempelt, besetzte dieser Begriff für mich einen Horizont von rätselhaften Beziehungskonstrukten, ohne Eifersucht, in ständiger Harmonie – ein Gemisch aus dem ultimativen Flowerpowerspirit, dem Hauch der sexuellen Revolution der 60er Jahre, mit einer Prise emotionaler Gleichberechtigung von Mann und Frau, abgerundet durch die Ahnung, dass das doch unmöglich zu sein scheint. Konkret handelt es sich bei dem Begriff, wenn man Wikipedia glauben möchte, um eine wilde Wortneuschöpfung, die frei Übersetzt nicht mehr oder weniger bedeutet, als „viel Liebe“.

Google verschafft erste Einblicke ins Thema, liefert Definitionen, wie „Polyamorie bedeutet, mehrere menschen zur selben Zeit zu lieben, mit dem Herzen, aber auch sexuell.“. Mag anfänglich eher an Szenarien aus Teeni-Schnulzen erinnern, in denen eine Protagonistin im klassischen Dreiecksgespann zwischen zwei Männern verfangen ist – wahlweise ist einer funkelnder Hobby-Vampir, der andere ein Werwolf mit Dackelblick.
Die gesamte Thematik wird untermauert durch Leitsätze, Prinzipien und Tantra-Seminare mit Poly-Bezug. Startet man den Marathonlauf durch das World Wide Web, begegnen einem unzählige „Doofe Frage – schlechte Antwort“ – Portale, Ratgeber (geschrieben von Menschen, welche selbst nicht polyamor leben…) und Artikel, in denen der Frust über gelebte Vorurteile und Missverständnisse beschrieben wird. Wirkliche Rückschlüsse zum zwischenmenschlichen Erleben werden mir dadurch noch nicht deutlich.

Aus diesem Grund habe ich Hannah gefragt. Hannah heißt nicht wirklich Hannah, kommt aus Leipzig, ist Studentin, leidenschaftliche Sockensammlerin und Poly. Eine eigene Definition für ihren Beziehungsstatus leitet sie für sich damit ein, festzuhalten, um was es schon einmal nicht geht.

„Also…wir sind definitiv kein Haufen kiffender Hippis, die Dauerorgien schmeißen, um zu sehen, wessen Geschlechtskrankheit es einmal am schnellsten um den Globus geschafft hat.“

– harte einleitende Worte, doch dies sind tatsächliche Vorwürfe, die sich die 26-jährige Studentin schon anhören oder bei Google nachlesen durfte. Weiterhin wird mir klar, dass die Grundsätze für polyamore Beziehungen nicht anders sind, als die monogamer Beziehungen: Es geht um Ehrlichkeit, Gleichberechtigung und dem Planen der gemeinsamen Zukunft. Die Liebe wird nicht prozentual auf alle Partner verteilt, sondern jeder einzelne wird für sich als Individuum vom jeweils anderen ganzheitlich geliebt. Auch als Single kann man sich als Poly begreifen, was auch zu Beginn jeder neuen Beziehung klarzustellen ist.

Auf die Frage, ob Hannah überhaupt Eifersucht verspüren würde, folgte ein schallendes Lachen. –

„Na klar bin ich eifersüchtig … und wie! Es ist nicht anders als in monogamen Beziehungen oder lässt du deinen Freund mit einer fremden Schnitte bei einer Party tanzen und schaust da nicht mal genauer hin?“

Nächster wichtiger Punkt. Polyamorie hat nichts mit Swinging zu tun. Nicht ständig wird nach einem neuen Partner gesucht und sollte man sich doch in einen Menschen verlieben und eine Partnerschaft eingehen wollen, ist dies Basis einer Kommunikation mit den anderen Partnern und nicht alleinige Entscheidung eines Individuums. Eifersucht hat folglich einen rechtmäßigen Platz in einer polyamoren Beziehung, und sollte genauso Thema für die Arbeit an bestehenden Verhältnissen sein.

Hannah berichtet weiterhin, wie sie ihre eigene Sexualität erkundet hat. Rückschritte durch die Erfahrung von Ablehnung durch Freunde und Familie gehörten und gehören immer noch für sie dazu. In den letzten Jahren sei der Umgang mit diesem Thema offener geworden. So offen, dass selbst Datingplattformen, wie Parship, Studien zur Thematik ankurbeln. Dabei sagen zumindest 3% der Befragten, sie waren oder sind polyamor, 12 % könnten sich eine Poly-Beziehung vorstellen.
Die Frage zum Umgang mit Intimität und Sex stelle ich vorsichtig, möchte das Thema weder tabuisieren, noch unsensibel sein, doch Hannah reagiert ganz entspannt:

„ Das zeigen von körperlicher Anziehung und der Wunsch nach Intimität wird in meinen poly Beziehungen nicht mehr oder weniger thematisiert, als in monogamen glaube ich, aber … wenn es um die Frage von Verhütung, Kinderwunsch und so weiter geht, braucht es definitiv Arbeit.“ .

Gemeint ist die zu leistende Beziehungsarbeit. Emotionaler Stress, Konflikte, dysfunktionale Beziehungen usw. haben definitiv das Potenzial eine zu enorme Belastung für einen Partner darzustellen. Die formulierten Grundprinzipien sollen da Abhilfe schaffen, eine Basis für Offenheit und Kommunikation bilden, doch Realität und Praxis laufen nicht immer kongruent.

Schlussendlich steht für mich eines fest: Polyamorie ist vielschichtig, anspruchsvoll und in seinen Grundzügen ein Themenkomplex der wahnsinnig viel Bereicherung an Wissen und Ansichten zum Leben in Beziehungen bereithält.

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