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„Das will doch keiner hören!“ – Eine kleine Geschichte des Cloudrap

Bild: Kevin Cortopassi (https://www.flickr.com/photos/kevincortopassi/21916829495)

Zum diesjährigen Campusfest der Hochschule Merseburg spielte den Slot des Headliners die Hamburger Künstlerin Haiyti, eine Rapperin, die sich vor allem dadurch auszeichnet, wie sehr sie polarisiert. Nicht nur in der Publikumsreaktion an jenem Abend war das spürbar, ihr kompletter Output sorgt in der deutschsprachigen Hiphop-Szene seit einigen Jahren für Diskussionsbedarf. Haiyti bricht mit ungeschriebenen Regeln, die in der Szene bisher scheinbar zementiert waren und lebt mit ihrer Musik eine Narrenfreiheit aus, die bewusst dazu gemacht scheint, jene zu empören, die an selbigen festhalten. Dabei ist sie selbst nur ein weiterer Bestandteil einer Bewegung in der Rapmusik, die sich seit vielen Jahren auf der ganzen Welt abzeichnet und sich seit zwei bis drei Jahren auch in Deutschland fortsetzt. Hier also eine kleine Geschichtsstunde des sogenannten Cloudrap.

Haiyitis Video zu 'City Tarif'

Begonnen hat das ganze, wie so ziemlich alles, was Menschen hierzulande cool finden, in den USA. Schon seit den Neunzigern hatte dort, vor allem in Städten wie Atlanta, mit der Trap-Bewegung eine sehr spezielle Spielart des damals gängigen (Gangsta-)Rap-Begriffs Einzug gehalten. Der Ausdruck „trap“ bezeichnete dort einen Drogenumschlagplatz und entsprechend finster waren die Themen, die frühe Vertreter wie UGK, Master P und Ghetto Mafia in ihren Songs aufarbeiteten. Wenn sich damals auf „trap rapper“ bezogen wurde, dann war damit meistens einfach jemand gemeint, der Texte über Drogenhandel schrieb und dabei höchstwahrscheinlich auch genau wusste, wovon er redete. Vom heute stiltypischen Sound mit prägnanten Hi-Hats, Triplet-Flows, Ad-Libs und düsteren Synth-Beats war damals noch wenig zu hören, zentrales Augenmerk waren zu dieser Zeit noch die lyrischen Themen. Wobei es auch da schon gängig war, seine Lage gerne ein kleines bisschen zu beschönigen und sich mal eben ein landesweites Crack-Imperium anzudichten. Im Zusammenhang mit dem Standpunkt der einzelnen Protagonisten kam das auch nicht von ungefähr: Wie in vielen Unterformen des Hiphop spiegelte sich auch hier der Wunsch danach wieder, als Musiker Erfolg zu haben, um das Drogengeschäft hinter sich zu lassen, das für viele benachteiligte Jugendliche die einzige Option war, Geld zu verdienen. Und weil man eben keinen Dr. Dre oder Puff Daddy hatte, der teure Beats für einen bauen konnte, hantierte man selbst eher dilletantisch am geborgten 808-Sythesizer herum, bis irgendwas herauskam, das nach Rap klang. Zufälligerweise war das dann eben gerade der Sound der Zukunft.

Master P-'Ice Cream Man', eine der ersten einflussreichsten Trap-Singles

Erfolgreich waren in der Anfangszeit die wenigsten Rapper aus Atlanta. Die einzige lokale Formation, die bereits in den Neunzigern immense Erfolge feierte, waren OutKast. Zwar werden sie aus heutiger Sicht eher wenig mit der Geschichte des Trap in Verbindung gebracht, doch waren sie um die Jahrtausendwende mehr oder weniger der Grund, warum Hiphop-Fans und nicht zuletzt Labels auf die Szene in den Südstaaten aufmerksam wurden. Einmal aus dem Schatten der beiden Rap-Metropolen Los Angeles und New York getreten, wurde der sogenannte „southern hip hop“ schnell zur Goldgrube für Plattenfirmen und Künstler wie Gucci Mane, Young Jeezy, Rick Ross oder T.I. wurden zu Aushängeschildern. Letzterer setzte mit seinem 2003 veröffentlichten zweiten Album Trap Muzik auch den Grundstein dafür, dass „trap“ nunmehr als Bezeichung für den musikalischen Stil der Rapper galt, der sich zu dieser Zeit mehr und mehr entwickelte. Wem letztendlich der Titel „Erfinder“ der Stilrichtung gebührt, ist allerdings bis heute ein ziemlicher Zankapfel unter den Künstler*innen. Generell kann man sagen, dass die heutige Ausprägung ohne die Einflüsse von Young Jeezy und Gucci Mane ziemlich undenkbar sind, dennoch haben bis heute auch ein Waka Flocka Flame, ein Lex Luger oder Migos entscheidend zur Veränderung des Sounds beigetragen. Das, was unter dem Begriff Trap Ende der Nullerjahre seinen Weg in den Mainstream fand (zumindest in den Staaten) ist also das Produkt einer ganzen Reihe von Veränderungen über fast 20 Jahre.

'Trap House', der Titelsong von Gucci Manes Debütalbum 2005

Trap war gerade so kein totales Untergrund-Phänomen mehr, als 2009 ein Kalifornier namens Lil B schon wieder fast alles umkippte. Der selbsternannte „Based God“ platzte damals mit der Mission in die Szene, dort positive Vibes und Toleranz zu verbreiten, statt über Hustle und Drogenimperien zu rappen. Logisch, dass ihm das direkt sehr viele Menschen übel nahmen. Mit seinen absichtlich dilettantischen Beats, seinem prinzipiell nicht vorhandenen Flow und scheinbar vollkommen willkürlichen Texten wurde er von vielen Rap-Hardlinern als Verräter an der Indentität des Hiphop gesehen und von den meisten darunter sicherlich einfach nur als grottenschlechter Musiker. Seine auf YouTube mit billig selbst gedrehten Videos veröffentlichten Songs entzogen sich den Regeln des Genres, karikierten sie sogar. Die Texte über Geld, Swag und Sex waren so dermaßen übertrieben wie sein gesamtes Erscheinungsbild unschuldig und so überhaupt nicht Gangster waren. Doch wo die Koriphäen des Rap in Lil B einen respektlosen Social Media-Clown sahen, eroberte der Kalifornier im Internet die Herzen eines ganz neuen Klientels. Der Based God stand für ein neues Bild von Hiphop, das lange gehütete Klischees neu interpretierte, sich dem Wettbewerbs-Charakter des Games entzog und wenn nötig auch heilige Kühe schlachtete. Einfach gesagt machte Lil B einfach das, worauf er Lust hatte. Und das polarisierte eben. Teilweise triggerte der Künstler absichtlich, wie 2011, als er ein Mixtape mit dem Namen I’m Gay veröffentlichte. Sein eigenwilliger Stil, die Art, wie er sich präsentierte und nicht zuletzt fast 40 veröffentlichte Platten in 3 Jahren schufen mehr und mehr einen Kultstatus um ihn, der früher oder später auch in Europa nicht mehr unbemerkt blieb.

Lil Bs Online-Hit 'I'm God'

Eine wichtige Komponente der Tracks von Lil B sind ihre Trap-inspirierten, jedoch wesentlich gediegeneren und softeren, man könnte sagen „wolkigen“ Beats, die zumeist von Produzent Clams Casino stammen. Diese Art zu produzieren bekam vor allem deshalb irgendwann den Namen „Cloud rap“ verpasst, den europäische MCs wenig später als Stilbegriff übernahmen. Der vielleicht erste unter ihnen war der damals 17-jährige Rapper Yung Lean aus Stockholm mitsamt seinem Sad Boys Collective. 2013 veröffentlichten die Schweden eine Reihe von Videos auf YouTube, die schnell virale Hits wurden. Die von Lil B geprägte Based-Ästhetik wurde hier durch eine starke visuelle Komponente und klarer produierte Beats ergänzt, die später einen Großteil der europäischen Künstler*innen beeinflussen sollten und nicht zuletzt auch nach Amerika zurückschwappte. Die Szene, die ein bis zwei Jahre später überall in Europa plötzlich auftauchte, bestand zumeist nur aus guten Kopien von Lil B oder Yung Lean.

Yung Lean mit 'Ginseng Strip' von 2013

Die erste deutschsprachige Inkarnation der Bewegung dürfte das Salzburger Kollektiv Hanuschplatzflow sein, das vermutlich seit 2012 aktiv ist und das heutigen Szene-Ikonen wie Yung Hurn, Lex Lugner, Young Krillin oder Crack Ignaz eine erste Plattform bot. Was diese Gang von Lil B-Klonen von Anfang an so besonders machte, war ihre Angewohnheit, mit Vorliebe in österreichischer Mundart zu rappen und sich damit nicht nur von den Vorbildern aus den USA, sondern auch vom Großteil des sogenannten Deutschrap abzusetzen. Eine ganze Weile lang brodelte das Phänomen so unter der Oberfläche, bis im Sommer 2015 dem selbst unter den damaligen Insidern eher unbekannten Yung Hurn mit Nein ein viraler Hit sondersgleichen gelang. Im Prinzip war das der Anfang des momentan anhaltenden Hypes um die Bewegung. Innerhalb kürzester Zeit erlebten artverwandte Künstler*innen wie LGoony, Crack Ignaz, Rin oder Haiyti einen ähnlichen Auftrieb und neue Cloudrap-Kollektive schossen wie Pilze aus dem Boden. Die simplen Texte, einfach zu imitierenden Beats und Heimproduktions-Videos senkten das Einsteigerlevel zum ernsthaften Rap immens und die Erfolgsaussichten waren hoch. Stand 2017 gibt es vermutlich in jeder größeren Stadt mindestens eine Cloudrap-Gang und kaum jemanden, der Tracks wie Bianco, Blackout oder Nein nicht zumindest mal in seinen YouTube-Vorschlägen hatte. Und wenn in den letzten Monaten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Autowerbung mit Anglerhüten und Trap-Beats läuft, kann man wohl endgültig davon ausgehen, dass wir es hier nicht mehr mit einer Untergrund-Sache zu tun haben.

'Nein'

Dass Cloudrap mittlerweile ein Mainstream-Phänomen geworden ist, bedeutet allerdings nicht, dass es langweilig wird. Denn auch wenn die deutschsprachige Szene scheinbar in Rekordzeit die Hype-Welle durchgenudelt hat, woanders wird es gerade erst spannend. So hat in Europa 2016 eine Reihe isländischer Cloud-Rapper*innen für Aufsehen gesorgt. Die MCs mit Namen wie Úlfur Úlfur, Reykjavíkurdætur oder GKR sind die erste wirklich nennenswerte Generation Hiphop in ihrem Heimatland, die auch im Radio gespielt wird und Headliner bei Festivals ist. In Italien gibt es Bello Figo, einen sehr in der Tradition von Lil B stehenden Typen, der den vielleicht politisch brisantesten Cloudrap in ganz Europa macht. Als Immigrant mit Wurzeln in Ghana subversiert er in seinen Texten rassistische Klischees und parodiert das auch in Italien existente Wutbürger-Bild eines Geflüchteten auf sarkastische Art und Weise. Das europäische Rap-Mutterland Frankreich beheimatet mit PNL eines der international erfolgreichsten Nicht-US-Kollektive der Szene, die beiden MCs spielten dieses Jahr sogar auf dem Coachella Festival in Kalifornien. Des weiteren spannend sind Yung Nnelg aus den Niederlanden und Yung Beef aus Spanien. Aber auch außerhalb Europas hat Cloudrap spuren hinterlassen. Besonders in Fernost gibt es momentan jede Menge großartige neue Musik zu hören. Wo der Koreaner Keith Ape schon 2015 erste Erfolge feierte und vor Allem in Amerika auffiel, war im letzten Jahr Rich Chigga aus Indonesien der Mann der Stunde. Und aktuell sorgt das chinesische Kollektiv Higher Brothers für großes Aufsehen in der Szene.

Ich bin mir absolut sicher, dass die eben genannten Beispiele lediglich die Spitze des Eisberges sind und es ist nicht auszuschließen, dass es in ein paar Wochen ein Inuit-Rapper aus Grönland ist, der den nächsten viralen Hit landet. Der Grund dafür ist recht simpel: Selten zuvor war Hiphop so einfach zu machen und selten war dabei so gut möglich, sich selbst kreativ auszutoben. Es ist so etwas der Punkrock der Rap-Szene. Und weil das so ist, wird es immer jemanden geben, der sich darüber aufregt. Das ist aber auch gut so, denn ein bisschen lebt diese Szene davon.

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