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Das hat die Welt (-musik) noch nicht gesehn!

Jambinai auf der Konzertbühne im Heinepark

Zu Besuch beim Rudolstadt-Festival 2016

Fragt man außerhalb Thüringens oder abseits der Worldmusic-Szene nach, kennt kaum jemand das Rudolstadt-Festival. Obwohl das größte Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands bereits seit 26 Jahren stattfindet, scheint es immer noch ein Geheimtipp zu sein. Im Gegensatz zu anderen Festivals dieser Größenordnung, bietet das Rudolstadt-Festival jedes Jahr die Möglichkeit, wahre Exoten und Nischenbands zu entdecken, welche in der europäischen Musikszene sonst unter den Tisch fallen.

Das verschlafene Städtchen in Thüringen, 40km südwestlich von Jena, verdoppelt einmal im Jahr für ein Wochenende seine Population. Der Ausnahmezustand erfasste Rudolstadt dieses Mal vom 7. bis 10. Juli: Musiker*innen aus 43 Ländern, Auftritte von 130 Bands und Solist*innen bei mehr als 300 Konzerten, Workshops und Gesprächen auf 20 verschiedenen Bühnen. Wie ein bunter Schleier legt sich das Festival über das ganze Stadtgebiet und die Besucher*innen gleichen Ameisenscharen, die zwischen der historischen Heidecksburg und dem Heinepark umherströmen. Dazwischen liegt die Altstadt mit der großen Marktbühne und vielen kleinen Bühnen. Jeder Spielort bietet eine ganze eigene Atmosphäre, auf den Wegen dazwischen warten Straßenmusik, Kleinkunst und Stände mit handgefertigten Instrumenten. Jede Gasse, jeder Hinterhof könnte ein neuer, güldener Spielplatz für die Musik- und Kulturbegeisterten sein.

Spontanes Straßenmusikkonzert in der Rudolstädter Fußgängerzone

Spontanes Straßenmusikkonzert in der Rudolstädter Fußgängerzone

Im städtischen Theater und dem Schminkkasten finden während des Festivals musikalisch begleitete Talkrunden mit den Künstler*innen statt. Das Anfangs-und Abschlusskonzert liegen traditionell im Heinepark. Hier spenden an heißen Tagen die Bäume Schatten und die schnell fließende Saale bietet Möglichkeiten zur Abkühlung. Wer entspannen und sich vom Festivaltrubel erholen will, dem seien die Hängematten, Massagen und orientalischen Teezelte empfohlen. Artistik und Clownerie, Körbe flechten und Schmieden, selbst Drucken und in riesigen befeuerten Kesseln plantschen – all das macht das Festival auch sehr kinderfreundlich.

Dieses Jahr gab es historische Einschnitte, das TFF (Tanz- und Folkfestival) heißt nun Rudolstadt-Festival und wieder wurde programmprägend ein Tanz und ein Land des Jahres ausgewählt, ein Instrument des Jahres gab es erstmals in seiner 26-jährigen Geschichte jedoch nicht. Eine Jury wählte den Tanz Cumbia aus und passend dazu war Kolumbien als Land mit insgesamt neun Bands vertreten. Es ist schwer von Highlights bei diesem Festival zu sprechen, da es in den unterschiedlichen Sparten für jeden Gast ein anderes gibt. Zwei Bands hinterließen bei uns jedoch besonderen Eindruck und repräsentieren ganz nebenbei die Vielseitigkeit des Festivals:

Eine Überraschung boten die Südkoreaner*innen von Jambinai. Diese wurden als Post-Rock Band angekündigt, ein Musikstil, welcher ein bisschen sein Ziel aus den Augen verloren hat, neu und anders klingende Klangexperimente zu erschaffen. Meist sieht man bei diesem Genre drei bis vier Typen mit Schlagzeug, Bass, verzerrten Gitarren und einem Marathonlauf aus Effektpedalen, am Ende klingt das Ganze dann leider immer irgendwie gleich. Doch wäre das bei Jambinai der Fall, wären sie nicht auf das Rudolstadt Festival eingeladen worden. Hier trafen traditionelle Instrumente ihrer Heimat wie Geige „Haegum“, Oboe „Piri“ und Zither „Geomungo“, die nicht nur wegen ihrer Exotik sondern auch wegen ihrer Größe Eindruck im Publikum hinterließ, auf fuzzige Gitarren und elektronische Loops. Ungewöhnlich düster für das Festival vergisst der spherische Post-Rock von Jambinai nicht die Einlagen verschiedenster Genres, wie Folk, Prog und Doom, stellenweise erinnerten sie sogar an Grindcore. Etwas merkwürdig war es jedoch, dass diese Band bei Tageslicht auf der Bühne stand, was die Stimmung der Musik nicht unterstrich.

Jambinai auf der Konzertbühne im Heinepark

Jambinai auf der Konzertbühne im Heinepark

Die französische Band Startijenn (bretonisch: Energie) wurde 1997 von ein paar 13-Jährigen gegründet und blieb über zwei Dekaden in variabler Besetzung immer offen für neue Einflüsse. Beim Rudolstadt-Festival standen sie zu acht auf der Bühne. Insgesamt eher rockig, spielten Startijenn zusätzlich für die Bretagne typische Instrumente wie Dudelsack, Akkordeon und Bombarde, ein Blasinstrument, welches von der Schalmei abstammt. Doch damit nicht genug, Youenn Roue beeindruckte nicht nur an seiner Bombarde, sondern auch immer wieder mit französischen Rap-Einlagen. Eine arabische Note brachte der Frontsänger mit algerischem Gesang. Somit vereinte die Band neben traditionellen und populären Stilen auch Orient und Oxident in ihrer Musik.

Startijenn auf der Großen Bühne im Heinepark

Startijenn auf der Großen Bühne im Heinepark

Die Musik-Fusion von Bands wie diesen, verschiedene Kulturen und Menschen, machten das Rudolstadt-Festival 2016 wie jedes Jahr zu einer interkulturellen Schatzkarte.

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