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Auf Schienen vom „Mercure“ bis hin zum „Guest House King“

Lake Bled, Foto: S. Hörich

Ein Interrail-Ticket,  ’nen vollgepackten Rucksack mit 70 Liter Fassungsvermögen und 31 Tage Zeit sind uns gegeben. Gebucht ist nur die allererste Nacht, Ziel: Osteuropa. Das Abenteuer kann starten!

Balatonfüred, Foto: S. Hörich

Zu allererst ist natürlich wichtig, dass man den Rucksack möglichst planvoll packt. Zu bedenken ist: man spürt jedes halbe Kilo auf den Schultern. Dennoch ist ein gut eingestellter Reiserucksack viel praktischer als einen Monat lang einen Koffer hinter sich herzuziehen.
Von daher kauften wir jegliche Produkte im Mini-Format und versuchten uns bei den Klamotten ziemlich einzuschränken. Trotzdem muss an vieles gedacht sein: Sommersachen, Fleecejacke, festes Schuhwerk, Regenschutz und einiges mehr – in der Hoffnung, es ergibt sich unterwegs die Möglichkeit die Sachen mit der Reisetube durchzuwaschen.

Interrailticket, Foto: S. Hörich

Es gibt mehrere Varianten des Tickets. Wir entschieden uns für den Interrail Global Pass mit 10 Reisetagen, d.h. innerhalb der 31 Tage, haben wir 10 Tage zur Verfügung an denen wir den Zug in 30 verschiedenen Ländern Europas nutzen können. Man kann dann auf zwei Arten planen: Entweder steht beinahe jede Zugverbindung, jedes Hostel oder gar jedes Restaurant von Beginn an fest, oder man fährt los und lässt sich quasi entlang der Schienen treiben. Wir entschieden uns allerdings für einen Mix.

Bevor es überhaupt los ging, markierten wir auf der Karte die Orte, an denen wir gerne hinwollen. Eine spezielle Route legten wir nicht fest. Wie wir dort genau hinkommen, zu welchem Zeitpunkt, wie viele Nächte wir bleiben werden, beschlossen wir mehr oder weniger spontan. Natürlich hat man im Vorneherein sehr viel vor und wir planten die ein oder andere Stadt zu viel ein. Dennoch reisten wir durch sechs Länder innerhalb von 31 Tagen: Polen, Slovakei, Österreich, Ungarn, Kroatien und Slowenien.

Günstiger als mit einem Interrail-Ticket bekommt man eine Europarundreise wahrscheinlich nicht. Aufgrund unseres Student*innen Budget versuchten wir sparsam zu leben. Dafür, dass der Osten immer als billiges Reiseziel galt, war es durchschnittsmäßig teuer. So sind wir in Danzig oder Bratislava noch ziemlich preiswert weggekommen. In Budapest, am Balaton oder an der Adria, haben wir dafür schon einiges mehr für ein Bett hingelegt. Von daher lohnt es sich als viel zeithabender Mensch erst im September los zu düsen. Die Preise der Unterkünfte sinken teilweise um 2/3. Für uns kam eine spätere Zeit leider nicht in Frage.

Unsere teuerste Unterkunft bezogen wir bereits an unserem zweiten Stop: Krakau. Verpeilt buchte ich anstatt für Samstag Nacht, für Sonntag Nacht. Bemerken tat ich dies erst am Nachmittag. Nach qualvollem Suchen auf booking.com, hostelworld und trivago, finden wir ein über unserem Budget liegendes Angebot. Uns bleibt allerdings nichts anderes übrig, denn bereits 98% der Stadt ist ausgebucht.
Doch dieser Preis war uns wohl nicht hoch genug. Angekommen im Hotel, Reservierungsbestätigung und Ausweis legte ich an der Rezeption vor. Das rumtippen der Rezeptionisten kam mir schon merkwürdig lang vor und sie meinte: „Sorry, there’s no reservation. We’re actually booked out“.
Unsere Laune sank drastisch. Dem Hotel konnte man keinen Vorwurf machen, da das Portal wo wir buchten, zu viele Reservierungen aufgenommen hatte. Freundlicherweise stellten sie uns einen Stadtplan zur Verfügung und markierten Hostels, wo wir nach einer Übernachtung nachfragen sollten.

Marktplatz Krakau, Foto: S. Hörich

So zogen wir los, von Hostel zu Hostel durch die überfüllte Stadt – kein Wunder, dass hier nichts mehr frei ist. Wir wurden immer weitergeschickt. In dem letzten Hostel angekommen, bot man uns Tablets und eine Couch an, um das Internet zu benutzen. Vergebens! Schlafen wir jetzt auf dem Bahnhof, oder doch hier im Treppenhaus? Irgendwann klingelte das Telefon. Das Hotel wo wir eigentlich gebucht hatten, hatte für uns einen Fang gemacht. Im Mercure Hotel. Wir wurden abgeholt und zum Hotel begleitet. Das hat uns so ziemlich die Sprache verschlagen, 4 Sterne und super fancy! Jede*r einzelne war vornehm gekleidet – im Gegensatz zu uns. Ich fühlte mich, als hätte hier zuvor noch nie ein Backpacker eingecheckt. 5 Minuten später war uns das egal. Purer Luxus für lächerliche 150 Euro. Da geizig sein jetzt auch nichts mehr brachte, buchten wir noch Frühstück ans Bett mit einer Wahnsinns-Aussicht über Krakau.

Bei Interrail gibt es allerdings auch eine Möglichkeit wie man an Unterkünften sparen kann: der Nachtzug. Die nächste Nacht sah also wieder ganz anders, ein bisschen weniger luxuriös, aus. Aufgrund der vorherigen sehr teuren Nacht, entschieden wir uns gegen ein Bett und für einen normalen Sitz. Mit Jogginghose und Schlafsack breiteten wir uns aus, denn wir hatten ein ganzes 8er Abteil für uns. Die Schlafqualität würde ich sogar als relativ gut bezeichnen. So spart man nicht nur die Hostelnacht, sondern auch viel Zeit! Das zweite Plus dabei ist, man verliert nur einen einzigen Reisetag, obwohl man über Nacht fährt.

Eine weitere, sehr interessante Übernachtungsmöglichkeit ist das „Couchsurfing“. Erfahrungen machte ich damit bereits in den USA. Dabei muss aber gesagt werden, dass ich diese Übernachtungen sehr weit voraus plante. Aus diesem Grund wurde es bei dieser Tour ein wenig knifflig. Wir fragten aufgrund unserer Spontanität was den nächsten Ort angeht, maximal 4 -5 Tage im Voraus bei den Couchsurfern an. Und es erreichten uns Absagen über Absagen oder erst gar keine Antwort. Die Surfer waren bereits ausgebucht, vielbeschäftigt oder selbst im Urlaub. Auch hier wird klar, Reisen in der Hochsaison ist ein großer Nachteil. Wir probierten es dennoch immer und immer wieder, da wir verdammt nochmal Geld sparen wollten. Vergebens, bis wir in der wunderschönen, von der römischen Zeit geprägten Stadt Split, ankamen. Doch hier erwartete uns erst einmal ein böses Wunder:

[Eintrag aus meinem Reisetagebuch, Tag 15: Split]

„Nach viel Vorfreude auf die Stadt Split, erreichten wir direkt in der Altstadt einen sehr merkwürdigen Hinterhof wo unser Hostel liegen sollte. Reingekommen, empfingen uns 2 Männer, die sehr unseriös wirkten. Ich schaute mich um: direkt neben der Eingangstür befanden sich die Doppelstockbetten für die Gäste, einfach so – im Flur. Der Mann meinte sie seien ausgebucht. Oh juhu – schon wieder so ein Glück! Hier wollte ich eh nicht schlafen. Er gab uns allerdings die Adresse für ein anderes „Apartment“ für denselben Preis und kontaktierte seinen Kollegen. Auf dem Weg dahin hoffte ich, diese Unterkunft würde anders sein. Dort angekommen, klingelten wir, niemand machte auf. Es sah aber auch eher nach privaten Wohnungen aus. Genervt, setzten wir uns auf die Treppe. Irgendwann erschien ein weiterer Herr, meinte wir sollen ihm folgen. Natürlich haben wir den Eingang nicht gefunden, es ging ja auch über den Keller rein! Ernsthaft? ..Und es sah genauso aus, Betten direkt hinter der Eingangstür, nichts als ein großer dunkler Raum mit vielen Betten. Die Tür ließ sich nicht einmal verriegeln, es gab auch keine Schließfächer, das Bad und die Küche, in der wir zu gern gekocht hätten, war verschimmelt. Ich betrat das Bad: ekelhaft und überflutet! Man konnte den Schimmel sogar riechen. Das Geld hatte der Besitzer bereits, 3 Nächte hier. Wie soll ich das aushalten? Ich bin verzweifelt.. Das Geld würden wir nie zurück bekommen und dabei war es nichtmal preiswert..Ich fühle mich so unwohl. Alleine in einem Bett schlafe ich hier ganz sicher nicht, wer weiß was die mit uns vor haben. Willkommen im „Guest House King“ mit sage und schreibe ganzen 3 gefakten Sternen!!! 23.08.2017

Wohlgefühlt habe ich mich dort keine einzige Nacht. Es waren immer nur sehr wenige Betten belegt und verständlicherweise blieben die Gäste jeweils nur eine Nacht. In einer Nacht hörte ich lautes Schnarchen und ich entdeckte in einem Bett einen Mann, der obdachlos zu sein schien. Die Tür scheint offen für jeden zu sein. In einer anderen Nacht schlief sogar der Besitzer mit dort. Da fragt man sich.. Duschen ließ ich auch für 3 Tage aus.

Krka Wasserfälle, Foto: S. Hörich

Doch wir machten das Beste daraus und verliesen sehr früh den Keller und kamen spät zurück und somit erlebten wir in Split eine wunderschöne Zeit an den einsamen Buchten am türkisblauen Meer oder bewunderten und badeten an den berühmten Krka Wasserfällen.

Und schon kam das Glück wieder auf unsere Seite. Couchsurfing klappte also doch! Ben schrieb: „Come anytime. Hosteldalmatia.com. Free to CSers“ Ich checkte die Webseite und vergewisserte mich noch einmal. Und somit ging es für uns in ein kleines Dorf „Marusici“ in der Nähe von Split.

Unser Ausblick vom Hostel Dalmatia, Foto: S. Hörich

Allein von der Unterkunft her ein totaler Kontrast – ein wunderschönes, freundliches, gepflegtes Hostel. Ben aus Texas, wanderte vor einiger Zeit nach Kroatien aus. Vor einem Jahr erfüllte er sich seinen Traum: ein eigenes Hostel. Er couchsurfte in bereits 52 Ländern und möchte nun auch selbst Leuten diese Art von Kulturaustausch bieten. Hier war viel Zeit zum Entspannen! Tagsüber erkundeten wir verschiedene ruhige Strände. Die Abende verbrachten wir mit Ben und seiner Freundin aus Bayern und anderen Couchsurfern aus den USA oder der Ukraine. Wir kochten füreinander oder saßen bei einem guten kroatischen Wein auf der Dachterrasse mit romantischen Blick auf das Meer und zu den Sternen. Nach 4 Nächten verließen wir diese Oase mit etwas Melancholie. Hier hatten wir definitiv eine der erholsamsten Zeiten bis jetzt!

Nach Danzig, Krakau, Bratislava, Wien, Budapest, Balatonfüred, Split sowie Marusici wurden die weiteren Orte jetzt durchgeplant und bereits gebucht: 2 Nächte Rijeka, 3 Nächte Ljubljana und 4 Nächte am Lake Bled. So sind wir dem Buchungsstress entkommen. Während der ganzen Reise nutzten wir wohl fast jede Übernachtungsmöglichkeit, die es nur so gibt. Wir schliefen im deluxen 4Sterne Hotel, buchten gute Apartments über Air bnb, ekelten uns im Guest House King, schlummerten im wackeligen Nachtzug, erlebten relativ laute aber schöne Nächte in „eines der schönsten Gebäude Budapests“ und glücklicherweise fanden wir auch ein Bett über Couchsurfing. Eines meiner Lieblingshostels war definitiv unser allerletztes in Bled. Es war sehr familiär und die Holzbetten waren mit den dicken Bettdecken super gemütlich, denn in Bled waren wir zwar das letzte Mal baden, die Temperaturen kamen dennoch nicht mehr über 20 °C. In Kroatien hingegen erreichten wir unsere Höchsttemperatur mit 36 °C.

Das Essen muss selbstverständlich auch eben kurz erwähnt werden. Unser absolutes Schlemmer-Highlight auf der ganzen Reise wurde uns in Bratislava serviert:

Schlemmerdinner in Bratislava, Foto: S.Hörich

Krautsuppe, Dumplings und dazu ein gut gekühltes Kofola, eine Art Kräuterlimonade. Sehr zu empfehlen! Nachbacken werde ich zu Hause defintiv auch mal die köstliche „Bleder Cremeschnitten„.

Aufklären möchte ich euch auch noch über eine Sache, die ihr definitiv nicht auf einer Interrailreise braucht, ich aber mitnahm: Plastikteller – & Becher. Was ich von nun an auf jeder Reise sicher einstecken werden habe: ein Microfaserhandtuch. Die beste Erfindung, trocknet in weniger als 10 Minuten, wiegt fast nichts und ist somit super praktisch für die vielen Ortswechsel. Die Bildung darf auf Reisen auch nicht zu kurz kommen. Für den kleinen Geldbeutel wurden wir in vielen Orten durch die „Free City Tours“ über die Highlights aufgeklärt. Wie viel man zahlt, ist jedem selbst überlassen.

Schloss Schönbrunn, Foto: S. Hörich

Das Reisen auf der Schiene hat so viele Vorzüge zu bieten! „Create your own story“ lautet der Werbespruch von Interrail – und dies gelang uns problemlos. Wir sind begeistert von all den schönen Orten die wir erkundeten und den Menschen, die wir kennenlernen durften. An dem ein – oder anderen Platz werde ich ganz sicher nicht das letzte Mal gewesen sein. Ob das Schloss Schönbrunn in Wien, der weltweitgrößte Marktplatz in Krakau, die Margareteninsel in Budapest, die Drachenbrücke in Ljubljana oder die Danziger Altstadt mein Lieblingsplatz war, ist sehr schwer zu sagen.  Jedes Land, jeder Ort und jeder einzelne Moment war anders und auf seine eigene Art wunderschön. Dass ein Monat nun rum ist, ist kaum zu glauben.

Noch mehr Reiselust erfasste uns, denn wer einmal damit anfängt, mag niemals aufhören. Und obwohl wir von einer Bosnierin viel erzählt bekommen haben, Snickers, Nektarinen, Strudel und Cola zugesteckt bekamen, erschien mir die letzte Zugfahrt von Ljubljana nach Leipzig schrecklich lang und langweilig, wie noch keine Fahrt zuvor. Das mag wohl daran liegen, dass es jetzt „nur“ nach Hause geht, aber wir freuen uns ja doch ein bisschen auf unser eigenes, vertrautes Bett.

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