Sarah Oliva

Es war spät geworden letzte Nacht. Er sitzt vor dem Fenster an einem hölzernen, viktorianischen Sekretär, einen abgetragenen Pelzmantel mit breitem Fellkragen über dem dünnen Hemd. Es ist nasskalt, der späte Vormittag wolkenverhangen und verregnet. Oscars schulterlanges, mit zartgrauen Strähnen durchzogenes Haar wellt sich durch die Feuchtigkeit.

Im Hotelzimmer unter dem Dach stapeln sich Bücher, Blätter und Manuskripte. Schillernde Pfauenfedern thronen in einer glänzenden Vase aus blauem Porzellan auf einem kleinen Tisch. Edle Tücher bedecken die übrige Einrichtung des Raums, die nicht ihm gehört. Die spärliche Extravaganz seiner wenigen persönlichen Gegenstände erinnert an längst vergangene Zeiten, als er noch ein junger, ausschweifender Dandy war.

Damals…zu Studienzeiten in Dublin und Oxford, als er in Vorlesungen mit Redegewandtheit, Wortwitz und Hang zum Überschwang in verschiedenen Sprachen die Masse polarisierte. Der Welt von Ästhetizismus und Hedonismus, von „art for art’s sake“ erzählte und durch seine exzentrische Kleidung alle Blicke auf sich zog. „Es ist die Pflicht eines jeden, Vergnügen und Freude zu kultivieren“, ruft sein früheres Ich durch die Erinnerungen. Es waren andere Zeiten.

Die Hand des Autors ruht lautlos auf dem Papier, sein Blick schweift über die atmenden Dächer der Stadt. Paris, Exil der letzten Jahre, liegt im Nebel, wohin seine Gedanken spurlos verschwinden. Die Stadt schläft noch immer. Er denkt an seine Frau und Kinder. Er hatte offen zu dem gestanden, was er liebte. Und das waren seine Familie, das Schreiben und seine Homosexualität. Die Zeit war noch nicht reif für so viel Offenheit, so viel Geradlinigkeit. Und so hatte er zwei Jahre im Gefängnis verbracht und viel von seinem Licht verloren. Die Liebe seines Lebens ziehen lassen, weil es so vernünftiger war.

Jetzt ist dem Schriftsteller nicht mehr danach zumute, sozialkritische Komödien zu schreiben. Satirische Bühnenstücke zu arrangieren. Poesie auf Papier zu bringen. Er fühlt sich dem Schreiben fern. Sein Kopf ist schwer von den Gesprächen des Vorabends, vom Wein und dem Lachen der Menge in der Brasserie, für die er eigentlich kein Geld gehabt hatte. Trübe Gedanken wabern durch seinen Kopf, der Spott provoziert ein trockenes Lächeln auf seinen Lippen. „Ich sterbe, wie ich gelebt habe, über meine Verhältnisse…“ sinniert er. Und er hat Recht, denn seine Schulden werden ihn überleben.

Er war in gute Umstände geboren worden. Akademische Eltern mit Sinn und Talent für Kunst, Kultur, Nächstenliebe und das Young Ireland Movement. Irland, denkt er. Irland scheint weit weg. Er steht auf, durchquert den Raum und durchsucht einen Stapel Blätter mit Gedichten aus seiner jüngeren Zeit…immer mit dem Gefühl des Heimwehs im Magen. Schließlich findet er, wonach er Ausschau hält. Das geheimnisvolle Gedicht „In The Forest“, das er vor Jahren geschrieben hatte. Er setzt sich an den Schreibtisch und liest es sich durch…

Out of the mid-wood’s twilight
Into the meadow’s dawn,
Ivory limbed and brown-eyed,
Flashes my Faun!

He skips through the copses singing,
And his shadow dances along,
And I know not which I should follow,
Shadow or song!

O Hunter, snare me his shadow!
O Nightingale, catch me his strain!
Else moonstruck with music and madness
I track him in vain!

Und in seiner Fantasie sieht er sich selbst als jungen Mann durch den irischen Wald einem Faun hinterherjagen.

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