dasama

Nach dem Melken habe ich erstmal ein bisschen Zeit für mich.

Zuerst stelle ich die Kaffeemaschine an und schlüpfe in saubere und bequeme Klamotten. Ich stelle frisches Brot, Marmelade und ein Glas mit warmer Milch auf den Tisch. Beim Essen schalte ich das kleine Radio ein, das auf der Eckbank neben mir steht. Die Antenne wurde irgendwann mal mit einem langen Stück Draht erweitert. Trotzdem bedarf es bei der Bedienung des Reglers einer ausgeprägten Feinmotorig und es dauert ein paar Minuten, bis ich einen halbwegs klaren Sender finde. Es läuft ein Beitrag über die aktuelle Flüchtlingskrise und besorgte Bürger melden sich per Telefon zu Wort. Ich höre nur mit halbem Ohr hin und warte geduldig auf die 11 Uhr-Nachrichten. Besser gesagt, auf die Wettervorhersage und hoffe, dass sie kein Gewitter ankündigen.

Nach dem Frühstück würde ich mich gerne nochmal ein bisschen hinlegen. Aber erst muss ich die Milch verarbeiten. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, dieses kostbare Gut verkommen zu lassen.

Eine uralte, handbetriebene Zentrifuge steht im Flur. Sie ist auf einer kleinen Holzbank befestigt. Ich hole eine Milchkanne und hiefe sie mit einem Ruck hoch, um die Milch in den großen, runden Trichter der Zentrifuge zu gießen. Mit jedem Mal werde ich geübter und verschütte immer weniger Milch auf die Holzdielen. Ich kann spüren, wie die Muskeln in meinen Oberarmen jeden Tag ein bisschen wachsen.

Trotzdem muss ich all meine Kraft aufbringen, um die Kurbel, die die Maschine in Gang bringt und in ihrem Inneren das Fett von der Milch trennt, in Bewegung zu setzen. Nach den ersten paar Runden geht es leichter und für die nächste Stunde sitze ich auf einem kleinen Holzschemel und drehe immer im gleichen Rythmus an der Kurbel. Mal mit der rechten, mal mit der linken Hand. Die Zentrifuge rattert vor sich hin und spuckt auf der einen Seite Sahne und auf der anderen Magermilch aus.

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Ich lasse meine Gedanken schweifen. Mein Alltag mit Freunden, Uni und viel Freizeit ist weit weggerückt.

Trotzdem stelle ich mir vor, was ich machen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Triviale Dinge wachsen in meinem Kopf zu sehnsüchtigen Wünschen heran und ich träume davon Eis essen zu gehen, Auto zu fahren und durch die Straßen einer schönen, alten Stadt zu schlendern.

Als mein Handy klingelt, schrecke ich aus meinen Gedanken hoch. Ich erkenne die Nummer des Bauern im Display. „Joa, host heid scho nooch den Kalbern gschaugt?“, dröhnt es mir entgegen, als ich abnehme. Herzliche Direktheit scheint hier zum guten Ton zu gehören.

Ich atme kurz durch und versuche mich mental auf das Telefonat einzustellen.

Schon in einem direkten Gespräch scheint mir eine Verbindung zwischen meiner Muttersprache und dem Osttiroler Dialekt zweifelhaft. Am Telefon erreicht dieser Zweifel dann seinen Höhepunkt und ich bin froh, wenn ich annähernd erahnen kann, worum sich das Gespräch dreht. „Alles gut hier!“, erkläre ich ihm. Und erzähle ein bisschen von meinem Tag.

Ich frage mich, woher er das Vertrauen nimmt, das er mir entgegenbringt. Die gesamte Verantwortung über das Leben der Tiere legt er in meine Hände. Mir, einem ahnungslosen Stadtmensch, als der ich hier gesehen werde, obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin.

Es macht mir Mut.

Wenn er es mir zutraut, werde ich es wohl auch schaffen, denke ich.

Dennoch sehe ich mich oft mit Problemen konfrontiert, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Der Unterschied zu zu Hause ist, dass ich keine Wahl habe. Niemand löst hier oben meine Probleme für mich. Auf später verschieben geht nicht.

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Schon in meiner ersten Woche kalbt eine der Kühe.

Es ist 5 Uhr morgens. Seit ein paar Stunden schon höre ich sie unten im Stall schreien. Ich habe sie dort angebunden, damit ich schnell da sein kann, wenn es soweit ist. Mein einziges Wissen über gebärende Kühe stammt aus dubiosen Filmen, die sich meist fernab der Realität bewegen.

Ich bin aufgeregt und die Schreie der Kuh zerreißen mir das Herz, doch ich kann nichts für sie tun. Ab und zu gehe ich zu ihr, streichle ihren dicken Bauch, spreche leise und beruhigend auf sie ein. Ihre Augen sind weit aufgerissen und ihr Fell ist feucht vom Schweiß. Den Eimer mit Wasser, den ich ihr hinstelle, beachtet sie nicht.

Ich rufe den Bauer an und teile ihm mit, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann. Doch er ist die Ruhe selbst und macht keine Anstalten seine Arbeit im Tal zu unterbrechen und heraufzukommen um mich zu unterstützen. Ich fühle mich allein gelassen und der Situation nicht gewachsen.

Meine Hände werden feucht und ich muss mich zusammenreißen, um nicht in Panik auszubrechen. Nervös gehe ich im Stall auf und ab. Ich zwinge mich ruhiger zu werden, denn wenn es soweit ist, brauche ich einen kühlen Kopf.

Ein erneuter Schrei der Kuh reißt mich aus meinen Gedanken. Als ich mich umdrehe, kann ich kaum glauben was ich sehe. Das Kalb liegt bereits nass und zitternd im Stroh. Dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Die Kuh hat sich losgerissen und rennt panisch aus dem Stall. Zum Glück habe ich das Gatter des Freilaufs geschlossen. Sie kann also nicht weit laufen.

Adrenalin schießt durch meine Adern. Ich bücke mich zu dem Kalb hinunter, wische es mit Strohbüscheln sauber und befreie die Nüstern von Schleim. Es zittert erbärmlich und ruckartige Bewegungen durchzucken den kleinen Körper. Ich flüstere ihm zu. Heiße es willkommen in dieser Welt.

Heiße Tränen rinnen meine Wangen hinunter.

Obwohl jede Sekunde irgendwo auf der Welt ein Kalb geboren wird, berührt mich dieses Ereignis zutiefst. Vor mir liegt ein Wesen, das es bis jetzt noch nicht gab. Neues Leben ist aus dem Nichts entstanden.

Laut polternd kommt die Kuh zurück in den Stall. Ich wundere mich, dass sie sich noch nicht beruhigt hat. Sie schnaubt und stöhnt und als ich die zwei kleinen Hufe sehe, die aus ihr herausschauen, verstehe ich. Ohne lange zu überlegen umschließe ich die Fesseln des Kalbs fest mit beiden Händen. Die Fruchtblase ist noch nicht geplatzt und ich habe Angst, dass es keine Luft bekommt. Mit all meiner Kraft ziehe ich an den knochigen Beinen und endlich kommt das Kalb in einem Rutsch heraus. Die Kuh schreit ein letztes Mal laut auf und dann ist alles vorbei.

Ich weiß nicht, ob ich richtig gehandelt habe und bin einfach nur dankbar, dass es gut ausgegangen ist.IMGP0033

Ich nehme das Kalb hoch und trage es zu dem Anderen, so dass sie dicht beieinander liegen und decke sie mit einer dicken Schicht Stroh zu.

Nachdem ich die Kuh mit frischem Wasser und Heu versorgt habe, rufe ich den Bauer an und berichte ihm von der Geburt. Dass es Zwillinge sind, scheint ihn nicht zu überraschen und er freut sich.


Bevor ich abreise, wird noch eine Kuh Zwillinge gebären. Leider wird es dieses Mal nicht so gut ausgehen und eines der Kälbchen wird tot geboren. Ich werde alleine sein mit meiner Trauer. Unter Tränen werde ich es hinaustragen zu einer Stelle, an der ich ein tiefes Loch grabe und es beerdige.

Doch die Welt hört nicht auf, sich zu drehen.

Am Ende des Sommers verlasse ich die Alm und kehre zurück in mein altes Leben. Doch die Zeit hat mich verändert. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben mich gestärkt.

Ich weiß jetzt, dass ich mehr schaffen kann, als ich mir manchmal zutraue. Und während ich mit dem großen Rucksack die Treppe zu meiner Wohnung hinaufsteige, freue ich mich schon auf einen großen Eisbecher.

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Zum Weiterlesen:

Neues Handbuch Alp

http://www.zalp.ch/

5 thoughts on “Kruzifix und Eierschwammerl II

  1. Sehr schön und interessant. Ich bin stolz auf dich,daß du die Zeit durchgehalten hast, die auch von großen Strapatzen geprägt war. Für dich in jeder Hinsicht eine Bereicherung und eine sicherlich sehr intensive Erfahrung, die dir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Bleibe so wie du bist
    deine Grossmutter

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