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Kruzifix und Eierschwammerl I

- oder wie ich auszog, um die Einsamkeit zu finden

Dies ist die Geschichte von einem Experiment. Drei Monate werde ich als Hirtin auf einer Alm in den Osttiroler Alpen verbringen. Ich werde allein sein, werde scheitern, zweifeln und neuen Mut fassen. Und am Ende werde ich mir selber vielleicht ein Stückchen näher gekommen sein.

Und da bin ich jetzt also.

Ich sitze auf dem schmalen, knorrigen Balkon, der sich an die Vorderseite der einfachen, rustikalen Holzhütte schmiegt. Ein bisschen steif sitze ich da, aber um die Beine auszustrecken reicht der Platz nicht. Darum lehne ich mich zurück an die alte Holzwand und lege meine Beine auf den Handlauf des Geländers.

Mein Blick schweift über das Tal das sich vor mir ausbreitet. Es liegt eingebettet zwischen den emporragenden Bergen, wirkt paradoxer Weise zart und weich. Der kleine Bach, der sich am tiefsten Punkt seinen Weg durch die moosbewachsenen Hügel und Steinbrocken sucht, plätschert beharrlich vor sich hin. Obwohl er nur wenig Wasser führt, dringt das eintönige Rauschen bis zu mir herauf.

Die Sonne taucht die Spitzen des gegenüberliegenden Berges in warmes Licht. Bis zu mir hat sie es noch nicht geschafft. Ich fröstle in der kühlen Morgenluft und ziehe die Decke, in die ich mich eingewickelt habe, ein bisschen fester um meine Schultern.

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Das wird also für die nächsten drei Monate meine Heimat sein. Obwohl ich jetzt hier bin, fühlt es sich immer noch nicht echt an. Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus, um mir die kommenden Wochen auszumalen, mir vorzustellen wie es sich anfühlen wird.

Wird es anstrengend sein? Werde ich die Einsamkeit ertragen können? Und bin ich überhaupt bereit, diese enorme Verantwortung zu übernehmen, deren Ausmaße ich nicht einschätzen kann? All diese Fragen werfen mich auf mich selber zurück und kurz flammt ein Fünkchen Panik in mir auf. Auf was habe ich mich da eingelassen?! Aber dann muss ich schmunzeln. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Ich sammle meine Zuversicht zusammen und fange an, mich auf das Abenteuer zu freuen.

Und dann nehme ich noch einen Schluck aus meiner Teetasse, die ich mit meinen Händen umschlinge, damit ihr heißer Inhalt meine kalten Finger wärmt und vielleicht auch, weil ich mich ein bisschen an ihr festhalten möchte, in dieser neuen, mir unbekannten Welt.

Ein Monat ist bereits vergangen und es kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit.

Seit die Kühe da sind, muss ich jeden meiner Handgriffe drei mal überdenken. Alles ist neu und unbekannt und ich möchte keine Fehler machen. Ich möchte, dass sie sich wohl fühlen, diese großen, schweren Geschöpfe, die trotz allem so zart und irgendwie zerbrechlich wirken.

Jeden morgen klingelt mein Wecker um 6 Uhr. Ich bin sofort hellwach und mein erster Gedanke gilt den Tieren. Sind noch alle da? Ob alles gut ist bei ihnen?

Das kleine Fenster neben meinem Bett zeichnet sich als helles Viereck an der dunklen Holzwand ab. Mattes Licht fällt in den Raum.

Ich schiebe die altmodischen Vorhänge zurück, schaue nach draußen und ertappe mich dabei, überrascht zu sein; der Ausblick, der sich vor mir ausbreitet, ist der selbe wie gestern und wie all die Tage davor. Was habe ich erwartet? Habe ich etwa heimlich gehofft, dass plötzlich jemand da ist? Oder dass ich woanders aufwache und alles doch nur ein Traum war?

Vorsichtig öffne ich die Fensterflügel und halte meinen Kopf in die kalte Morgenluft.

Die fünf Milchkühe müssten in der Nähe sein. Ich wickle mich fest in das dicke Federbett und lehne mich noch ein Stückchen weiter aus dem Fenster. Aber von hier aus kann ich sie nicht sehen. Wahrscheinlich liegen sie irgendwo im kniehohen Ampfergestrüpp, das ihnen vor den lästigen Fliegen Schutz bietet, und dösen noch ein bisschen vor sich hin, bevor ich sie gleich in den Stall treibe, um sie zu melken.

Es kostet mich Überwindung, unter der warmen Decke hervorzukriechen und in meine klammen Sachen zu schlüpfen. Während ich mich anziehe und schlaftrunkend in die Küche gehe um ein Glas Wasser zu trinken, höre ich, wie die Kälber unten im Stall wach werden. Von ihnen trennen mich nur die alten Holzdielen, auf denen ich mit meinen kalten, nackten Füßen stehe. Der Klang ihrer Glöckchen dringt leise zu mir herauf.

Als ich die Haustüre öffne, knarzt sie verheißungsvoll in den Angeln. Ich schnappe mir ein Fernglas und den Hirtenstock und verlasse das Haus. Ein Blick auf das Thermometer an der Hauswand verrät mir, dass es nur wenige Grad über Null sind. Und ich bin froh über den alten Parka, den ich am ersten Tag auf dem Dachboden gefunden habe. Er ist 3 Nummern zu groß, aber er hält mich schön warm.

Bevor ich mich auf die Suche nach den Kühen mache, schaue ich kurz im Stall vorbei.

Einige der Kälber drehen sich wiederkäuend zu mir um, als ich die schwere Stalltür öffne. Andere nehmen keine Notiz von mir und bleiben eng aneinandergekuschelt liegen. Sie wirken zufrieden und entspannt. Ich begrüße sie kurz und mache mich dann auf den Weg.

Das taunasse Gras streicht um meine Beine. Zwischendurch halte ich inne und lausche nach dem Klang der Glocke, die eine der Kühe um den Hals trägt. Doch nur das leise Rauschen der Bäume ist zu hören. In der Nähe zwitschert ein Vogel. Feine Nebelschwaden ziehen aus dem Tal herauf und ich hoffe innig die Kühe zu finden, bevor der Nebel stärker wird.

Endlich sehe ich weiter unten am Bach braun weißes Fell durch die Bäume schimmern.

Ich schlittere über das nasse Gras den Hügel hinunter und bin erleichtIMGP0186ert die Kühe vollständig vorzufinden. Als sie mich bemerken, schauen sie mich erwartungsvoll an und ich muss ein bisschen über sie lachen. Sie kennen das allmorgendliche Ritual. Dennoch bewegen sie sich von alleine keinen Meter. Erst als ich sie laut anspreche und meinen Hirtenstock anhebe, setzt sich eine nach der anderen in Bewegung und in Reih´ und Glied marschieren sie hoch zum Stall. Ich trotte hinterher.

Im Stall ist es schön warm. Der intensive Geruch der Kühe kitzelt mich ein bisschen in der Nase, aber er stört mich nicht mehr.

Ich drücke einen kleinen Schalter neben der Tür. Kurz bleibt es still, dann erfüllt das monotone Brummen der Melkmaschine den Stall. Das kleine Wasserwerk, das durch den Almbach betrieben wird, erzeugt genug Strom, um mir diesen Luxus der Arbeitserleichterung zu ermöglichen.

Gerda kommt zuerst an die Reihe. Sie ist die älteste der Kühe und ich möchte sie nicht lange warten lassen. Leise sage ich ihr ein paar liebe Worte, streichle über ihr weiches Fell und setzte mich neben sie auf den kleinen Melkschemel. Meine Wange fest an ihren warmen Bauch gedrückt beginne ich mit dem Melken. Die Arbeit ist anstrengend, aber sie tut mir gut. Sie erscheint mir sinnvoll und lässt mich ruhig und entspannt sein. Die Schwielen an meinen Händen, die sich in der kurzen Zeit bereits gebildet haben, machen mich sogar ein bisschen stolz.

Etwa 3 Stunden später sind alle Kühe gemolken, die Kälber sind versorgt und der Stall sauber.

Nachdem ich alle Tiere aus dem Stall gescheucht habe, stehen sie nun dicht zusammengedrängt und ein bisschen verloren vor dem Holzgatter herum und scheinen nicht viel mit ihrer Freiheit anfangen zu können. Es dauert ein paar Minuten, bis sie anfangen zu grasen und runter zum Bach trotten, um ein Schluck frisches Bergwasser zu trinken.

Ich schleppe die zwei vollen Milchkannen aus dem Stall und die kleine Treppe hoch, um sie neben der Hüttentür im kühlen Schatten abzustellen. Später werde ich sie zu Sahne, Butter und Käse verarbeiten. Es erstaunt mich immer wieder, wie zufrieden es mich macht, meine eigenen Lebensmittel herzustellen.

Die Vorstellung, Milch abgepackt im Supermarkt einzukaufen erscheint mir immer absurder.

Am ersten Tag hier erklärte mir der Bauer, dass er bis vor ein paar Jahren die frische Milch täglich von der Alm ins Tal gebracht hat, um sie zu verkaufen. Früher ging das zu Fuß über den schmalen Trampelpfad, der sich an den rauen Berghang klammert und einen dazu zwingt, jeden Schritt ganz bewusst zu setzten. Wandervergnügen ist was anderes. Wer hier schwer bepackt versucht das Tal zu erreichen, muss die ganzen zwei Stunden voll bei der Sache sein oder er kommt schneller unten an als ihm lieb ist.

Vor einiger Zeit wurde dann eine kleine Transport-Seilbahn errichtet, die die Alm mit dem Tal verbindet und die Arbeit wesentlich erleichtert. Trotz allem lohnt sich der Verkauf heute nicht mehr. Die Kühe geben zu wenig Milch und die Milchpreise sinken immer weiter in den Keller.

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, warum er dennoch diese ganze Arbeit auf sich nimmt, um weiterhin die Alm zu betreiben. Als ich ihn darauf anspreche brummt er vor sich hin: „Des is ebba mei Lem. S´gibt nix scheanas!“ Und ich habe das Gefühl, dass er meine Frage nicht wirklich verstehen kann.

Später erfahre ich, dass er seinen Lebensunterhalt mittlerweile durch Subventionen bestreitet, die die EU für die Ausführung der traditionellen Landwirtschaft bereitstellt.

Ich fange an zu verstehen, dass Osttirol ohne diese Fördermaßnahmen schon lange ein menschenleeres Fleckchen Erde wäre. Die Almen, die seit Generationen bearbeitet werden, würden der Vergangenheit angehören, weil sie nicht mal für ein einfaches Leben genug Gewinn abwerfen.

Der Tourismus findet nur langsam Einzug in dieses versteckte Hinterland und für die Industrie gibt es wahrlich passendere Standorte als Osttirol. Hier muss man sich mit Landwirtschaft begnügen oder gehen.

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